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  DIE WELT
16.05.2006

Keine Menschenseele in Pullach


Der BND produziert zwar immer noch Affären, aber der Fotograf Andreas Magdanz hat ihn längst in Kunst verwandelt


Von Eckhard Fuhr

Vor uns liegt ein Weissbuch der besonderen Art. Auf dem weissen Pappeinband ist der Bundesadler eingeprägt. Das gibt dem gewichtigen Fotoband »BND - Standort Pullach« von Andreas Magdanz einen ausgesprochen regierungsamtlichen Charakter. Das ist nicht ganz falsch, denn ohne die Zustimmung des deutschen Auslandsgeheimdienstes wäre er nicht zustande gekommen. Magdanz konnte als erster Fotograf Ende vergangenen Jahres ohne räumliche Beschränkung, jedoch immer in Begleitung eines Sicherheitsbeamten, Gelände und Gebäude der geheimnisumwobenen BND-Zentrale in Pullach bei München fotografisch dokumentieren. Nur BND-Mitarbeiter durften nicht aufs Bild. Man sollte allerdings das, was bei dieser Arbeit herausgekommen ist, nicht für einen Fall von Geheimdienst-PR halten. Hätte der BND sich als bürgernahe Sicherheits-Dienstleistungsagentur darstellen wollen, hätte er nicht den Fotokünstler Magdanz einladen dürfen, das historisch aufgeladene Areal seiner Zentrale zu erkunden. Mit einer Reihe grosser Fotoprojekte, etwa über den ehemaligen Regierungsbunker der Bundesrepublik, über den Tagebau Garzweiler oder das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, hat er gezeigt, wie der scheinbar stoische Blick seiner Kamera auf das banal Gegenständliche beunruhigt und verstört. Das Geheimnisvolle, das solchen Orten zugesprochen wird, ist auch ein Schutz. Wir halten sie so auf Distanz. Diese Möglichkeit der uns selbst schonenden Wahrnehmung wird uns durch Magdanz' Fotografie genommen. Es handelt sich also auch bei seinem neuesten Fotoband um Kunst, nicht um PR. Auf eine schön ironische Art wird das jedem, der dieses Weissbuch in die Hand nimmt, schon dadurch mitgeteilt, dass er unweigerlich schwarze Fingerabdrücke auf dem Einband zurücklässt. Wer also in diesem Buch blättert, produziert mit den Händen ein Geheimdienst-Klischeebild. Auch das gehört zur Schule des Sehens.

Als die Organisation Gehlen, die im Zuge des kalten Krieges umfunktionierte Abteilung »Fremde Heere Ost« im Oberkommando des Heeres, 1947 ein Hauptquartier suchte, in dem die Mitarbeiter mit ihren Familien weitgehend abgeschlossen von der Umwelt leben konnten, kam sie bald auf die »Reichssiedlung Rudolf Hess« und das angrenzende »Führerhauptquartier Siegfried« bei München. Die Reichssiedlung war in den dreissiger Jahren als Wohnquartier für die Parteiführung errichtet, das »Führerhauptquartier Siegfried« war im Krieg entstanden, von Hitler allerdings nie benutzt worden. Hier fand Gehlen alles, was er brauchte für die Autarkie der Aufklärer: Wohnungen, Sozialeinrichtungen wie Kantine und Kindergarten, verschiedene Werkstätten, Büros und Bunker.

Als die »Organisation« 1956 in den neu gegründeten BND überführt worden war, begannen auf dem Pullacher Gelände umfangreiche Baumassnahmen. Neue Gebäude entstanden, viele der vorhandenen, architektonisch Goethes Weimarer Gartenhaus nachempfunden Wohnhäuser, wurden nachrichtendienstlichen Zwecken zugeführt, durch Anbauten erweitert oder miteinander verbunden. Heute besteht der Pullacher Komplex aus 100 Gebäuden. Sie werden bald leer stehen, denn nach einem Beschluss des Sicherheitskabinetts aus dem Jahr 2003 wird die BND-Zentrale bis spätestens 2011 nach Berlin-Lichterfelde verlegt. Magdanz' Fotoerkundung nimmt den Leerstand vorweg. Das Geheimdienstgehäuse scheint ausgestorben zu sein. Keine Menschenseele ist zu sehen. Es ist offensichtlich kalt. Auf vielen Bildern liegt Schnee: the day after.

Für Aussenaufnahmen benutzte Magdanz in manchen Fällen eine Selbstfahrlafette, die auf 16 Meter Höhe ausgefahren werden kann. Das ermöglichte dem Fotografen ungewöhnliche Standpunkte und Perspektiven, eine ganz besondere Art von Überblick in dieser höchst unübersichtlichen Pullach-Welt. Da bieten sich bizarre Landschaften dar aus Dachpappe, Walmdächern und kahlem Astwerk, Reichsarbeitsdienst-Baracken fügen sich mit Verwaltungswürfeln aus den siebziger Jahren zu irren Geschichtskollagen, und im Hof der technischen Dienste beweisen säuberlich aufgereihte Mülltonnen, dass auch der BND vom Mülltrennen nicht befreit ist. Im Inneren der Gebäude zeigt Magdanz die ganze Banalität der modernen Büro- und Kommunikationstechnik. Aber aus dieser scheinbaren Alltäglichkeit des Computerplunders führt er uns immer wieder beklemmende Treppenhäuser, Bunkergänge und Funktionsräume, deren Funktion man lieber nicht so genau wissen will.

Ganz ohne Menschenantlitz lässt der Band den Betrachter doch nicht. Von Ferne schaut ihn der Alte Fritz an von einem Gemälde, das aus dem Nachlass Martin Bormanns stammt. In Pullach ziert es heute den Vortragssaal in Bormanns ehemaliger Dienstvilla. Briefmarkengross aber doch irgendwie Vertrauen stiftend grüsst das für den Behördengebrauch bestimmte Porträt des Bundespräsidenten im Lagezentrum. Und tief unten im holzverkleideten Schiessstand im ehemaligen »Bunker Hagen« stehen dem Betrachter vier gefährliche Pappkameraden gegenüber. Das Schiessgerät von Heckler & Koch, mit dem sie niedergemacht werden können, zeigt Magdanz auch, im Detail.





 
 
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