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  WDR 3 »Resonanzen«
27.02.2004

Verschwenderische Natur
Buchhalterischer Mord


von Albrecht Kieser


Dann das erste Foto. In einem feinen schwarzen Rahmen doch eine Komposition. Aus Grün und Braun. Grün die Wiese im Vordergrund, zerteilt von einem Pfad, wie er hier bei uns sein könnte oder dort oder eben in Auschwitz-Birkenau. Der weite Himmel in der oberen Bildmitte, er reisst auf, die trübe graue Bewölkung weicht, von der Seite zieht blauer Himmel ein. Wo Himmel und Wiese aufeinanderstossen, stehen zwei braune Bahnwaggons. Es sind Bahnwaggons, die irgendwo losgefahren sind, vielleicht aus Köln oder Hamburg oder Essen. Jetzt stehen sie hier auf dem Abstellgleis. Marceline Loridan-Ivens ist 1944 in einem dieser Waggons angekommen.

Neben dem Foto ein Text. Kursiv gesetzt und in Anführungszeichen. Er lautet:

»Als er mir im Sommer 1941 persönlich den Befehl erteilte, in Auschwitz einen Platz zur Massenvernichtung vorzubereiten und diese Vernichtung durchzuführen, konnte ich mir nicht die geringsten Vorstellungen über die Ausmasse und die Auswirkungen machen. Wohl war dieser Befehl etwas Ungewöhnliches, etwas Ungeheuerliches. Doch die Begründung liess mich diesen Vernichtungsvorgang richtig erscheinen. Ich stellte damals keine Überlebungen an - ich hatte den Befehl bekommen - und ich hatte ihn durchzuführen. Ob diese Massenvernichtung der Juden notwendig war oder nicht, darüber konnte ich mir kein Urteil erlauben, so weit konnte ich nicht sehen.«

Diese Sätze hat Rudolf Höss geschrieben, Lagerkommandant von Auschwitz.

Umblättern. Wieder im Grün, kleine gelbe Einsprengsel in der wildgewachsenen Wiese - die Natur ist verschwenderisch im Frühling. Auch in Auschwitz-Birkenau. Schon der Name Birkenau sagt uns das, hier ist keine Wüstenei, keine Einöde, hier ist so viel Leben, so viel Schönheit, dass die Bewohner das weitersagen wollten durch eine zärtliche Benennung ihres Ortes. Birkenau. Aus der Wiese ragt eine ziegelfarbene Mauer, die fensterlose Wand eines Gebäudes, der Eingang nachträglich mit grauem Bimsstein zugemauert. »Ehemalige Arbeitsbaracke«, hat der Fotograph neben das Bild gesetzt. Und wieder einen längeren Text, kursiv, in Anführungszeichen. Er lautet:

»Während die inhaftierten Juden der früheren Jahre doch damit rechneten, dass sie eines Tages wieder entlassen würden und dadurch die Schwere der Haft ihnen psychisch doch viel leichter wurde - gab es für die Auschwitzer Juden in dieser Hinsicht keine Hoffnung mehr. Sie wussten, ausnahmslos, dass sie zum Tode verurteilt waren - dass sie nur solange am Leben blieben, als sie arbeiten konnten.«

Rudolf Höss hat seine Erinnerungen als Lagerkommandant 1946 in der Haft niedergeschrieben.

Andreas Magdanz, der Fotograph und Herausgeber dieses Foto- und Textbandes über das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, zwingt den Betrachter zwanzig Mal in das Denken dieses Mannes. Zwanzig Fotos vom Lager kommentiert der Lagerkommandant. Weitere achtzehn doppelseitige Fotos lässt der Autor unkommentiert, nur das abgebildete Gebäude oder die Stätte ist genannt.

Alle Fotographien sind farbig. Sie sind wirklich farbig, die Farben sind nicht in Grau- oder Brauntöne ausgewaschen, durch die Aufnahmetechnik oder die Wahl des Ausschnitts. Sie sind farbig, bunt, frisch, sie entrücken den Ort nicht ins historisch Schwarz-Weisse, nicht ins Graue und Grauenvolle einer abgeschlossenen Geschichtsepoche, die von der unseren allein schon durch die Abtrennung des Bunten und also Lebendigen getrennt wäre. Die Fotos in diesem Band sind farbig, wie die Welt ist, wie menschliche Augen die Welt sehen, gestern, heute.

Ein doppelseitiges Foto nimmt die Wachtürme an der Rampe in den Blick. In präziser Schärfe jedes Detail, obwohl die Wachtürme weit weg sind, ja sie ertrinken fast in einem Meer wilder Wiesenblumen, üppig die Gräser, nicht nur Gänseblümchen, nein, eine bunte Mischung, wie es sie heute im Supermarkt zu kaufen gibt, damit wir als Hobbygärtner der freien Natur nacheifern können: im Schrebergarten oder im Hinterhof; der freien Natur, wie sie an vielen Orten schwelgt, z.B. in Auschwitz-Birkenau, dem Vernichtungslager der Nationalsozialisten.

Die umgebende Natur, die Andreas Magdanz nicht aus seinen Bildern verbannt, die er im Gegenteil in die Abbildungen der Baracken, der Wachtürme, der Zäune, der Geleise zurückholt, macht das Vernichtungslager als menschliches kenntlich. Menschlich im Sinne von Menschenwerk. Gerade weil in den Bildern natürliches Wachsen und handwerkliches Erbauen zusammentreffen, machen sie Auschwitz wirklicher als die üblichen dokumentarischen Fotos, die häufig nur enge Ausschnitte vorführen, um die Todeskälte des Ortes durch diese Verengung zu verdoppeln. Die aber so Auschwitz nur noch schwer als Menschenwerk erkennen lassen, weil sie die Wärme und die Farbe ausschliessen. Die Textauszüge des Lagerkommandanten unterstreichen die Absicht des Fotographen, sich und uns Auschwitz anzueignen: als menschengemachte Mordapparatur, als Judenvernichtungsmaschinerie, die nicht allein Rudolf Höss in Gang hielt. Sondern die nur funktionieren konnte, weil sie eingebettet war in eine Gesellschaft, die Mozart verehrte, Blumen liebte und Wissenschaft und Technik zu gebrauchen wusste.

Marceline Loridan-Ivens hat Auschwitz-Birkenau überlebt. Ihr ist der Fotoband gewidmet. Der Film über ihr Leben, der unter dem Titel »Birkenau und Rosenfeld« im Frühjahr in die Kinos kommt, war der Anlass für den Fotoband.

Andreas Magdanz ist zu danken, dass er diesen Ort farbig ganz nah geholt hat.
 
 
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