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  TAZ
Gesellschaft + Kultur, 11. Mai 2016,


Patient Wald fast tot
Forensik Fotografien gegen die Zerstörung des Hambacher Forsts

Von der Decke hängen 2.500 Bilder verschiedener Grösse, wie ein riesiges Mobile. An der Wand Grossaufnahmen – und alles geht um Wald: verstörend schöne Baumkonstellationen, Zweigwerke, Moosdetails, Wiesenstücke, geheimnisvoll, märchenartig, düster und lichten. Den hängenden Bilder-Wald hat der Hildesheimer Fotografieprofessor Andreas Magdanz mit 90 Studenten gemacht hat – vom Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen, den die Braunkohlebagger im Visier haben. Ausgestellt sind die Bilder jetzt in der Aachener Nadelfabrik (bis 13. Mai). In konzeptioneller Klarheit, so schlicht wie ergreifend.

„Eine forensische Bestandsaufnahme“ nennt Magdanz die Arbeit eines Tages im Juli 2015. Forensik will kriminelle Handlungen systematisch untersuchen. Magdanz´ Forstforensik ist Kunst, Aufruhr, Aufruf und Anklage – gegen den steinzeitlichen Stromriesen RWE. „Die Idee war, sich in Anlehnung an die Polizeiaufmärsche durch den Wald vorzuarbeiten“, Meter für Meter, Baum für Baum. Und dem „fast toten Patienten“ ein Denkmal setzen.

Magdanz ist „voll massloser Wut“. Und spricht bei der Ausstellungseröffnung doch ganz ruhig - vom Bergrecht, dem Ermächtigungsgesetz für die Heimatvernichtung aus der Nazizeit, das teils bis heute gilt. Von den Räumpanzern, die Ende 2014 auffuhren, um Protestierer zu verjagen - „zum ersten Mal in Deutschland seit den Zeiten von Baader-Meinhof.“ Als 15jähriger habe er, geboren 1963 in Mönchengladbach, schockiert miterlebt, wie ein Greis, der in seinem Nachbardorf den Baggern als einziger nicht weichen wollte, „in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit massiver Polizeipräsenz abgeholt wurde und sein Haus am nächsten Tag abgerissen, samt Inventar“. Seitdem wurden „ganze Dorfgemeinschaften pulverisiert.“ Jetzt ist der Hambacher Restforst im Weg, einer der letzten Urwälder Mitteleuropas.

Magdanz möchte „eine Lanze für die Besetzer brechen“ – vor allem die dort seit Jahren dauerhaft in Baumhäusern leben. „Ich habe noch nie so eine friedliche Gemeinschaft erlebt wie dort.“ Die innige Allianz aus Energiefressern und Behörden sieht das anders: Die Widerständler werden kriminalisiert, bedroht, verjagt. Zwei weitere Ausstellungsorte, berichtet Magdanz, haben ihre Zusage feige zurückzogen, als die mediale Stimmung zuletzt mal wieder aufgeheizt war.

„Wenn ich wüsste, dass wir den Strom des Tagebaus dringend bräuchten, für Menschen, für Krankenhäuser, dann wäre das eben ein hoher Preis, den wir zahlen müssten.“ Aber die Forstzerstörung sei so unsinnig: 400 Meter tief graben und die Funde einmal verbrennen. „Das System RWE und die damit verbundene Politik sind die, die hochgradig kriminell handeln.“

Der Wald, so Magdanz, war „einmal der Sehnsuchtsort. Aber die Deutschen sind nicht mehr das Land der Dichter und Denker. Wir sind eine tumbe Masse geworden, mürbe.“ Die Vernichtung des Forsts will der Fotografiekünstler „bis zum letzten Baum begleiten“ - diese „besonders schützenswerte Artenvielfalt und urtümliche Schönheit“.
von Bernd Müllender
 
 
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