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März 2001


Andreas Magdanz - Dienststelle Marienthal

Von Renate Puhvogel

Buchstäblich kurz vor Toresschluss hat Andreas Magdanz, Fotograf aus Aachen, mit einer aufwendigen Aktion ein Zeugnis westdeutscher Nachkriegsarchitektur und -geschichte fotografisch dokumentiert und dadurch überhaupt erst der breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht. Es handelt sich um die »Dienststelle Marienthal«, jene gigantische unterirdische Bunkeranlage, 20 km. südlich von der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn im idyllischen Ahrtal gelegen. Dieser »Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes« sollte während der Jahrzehnte des Kalten Krieges im Ernstfall »die Handlungsfähigkeit der Staatsspitze gewährleisten.« Der Bunker war zwischen 1960 und 1971 gebaut worden, um »allen Verfassungsorganen des Bundes im Krisen- oder Verteidigungsfall als gemeinsame Notunterkunft zu dienen.« 3000 Regierungsbeamte und Abgeordnete hätten die zweischneidige Chance gehabt, 30 Tage in totaler Abgeschiedenheit zu überleben, um aus ihrer Maulwurfperspektive ein Volk zu regieren, das im Falle eines atomaren Angriffs möglicherweise überhaupt nicht mehr existierte. Diese politisch fragwürdige und militärisch längst überholte Anlage hat nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Umzug der Regierung des wiedervereinten Deutschland nach Berlin nun gänzlich ihren Anspruch verloren und soll nach vergeblicher Suche anderer Nutzungsmöglichkeiten »zurückgebaut und verschlossen« werden, zu einem erklecklichen Finanzaufwand von 60 Millionen. Wäre Magdanz nicht auf eine Anzeige im Handelsblatt aufmerksam geworden und hätte er sich nicht, inspiriert durch Paul Virilios »Bunker Archäologie«, vom Innenministerium die Genehmigung zur fotografischen Dokumentation eingeholt - das absurde Bauwerk wäre ebenso klammheimlich ausgelöscht worden wie es einst geplant, gebaut und jahrzehntelang unterhalten wurde.

Lage und Grundriss basieren auf einer 4 km langen Tunnelröhre als Teil einer Eisenbahnlinie, deren Bau 1910 aus strategischen Gründen in Richtung Frankreich, den einstigen 'Erbfeind', begann, mit Ende des 1. Weltkrieges aber zum Erliegen kam. Selbstredend wurde der Tunnel von den Franzosen geschleift, doch dann wieder hergestellt und gegen Ende des 2. Weltkriegs zur Montage von V1- und V2-Raketen genutzt. Als die Bundesrepublik der NATO beitrat, entsann man sich des Tunnels und sah in ihm die Basis eines durch das Schiefergestein hervorragend geschützten Notbunkers für die Regierung.
Bei der »Dienststelle Marienthal«, intern noch harmloser bzw. zynischer »Rosengarten« genannt, geht es um das Europa-, wenn nicht weltweit umfangreichste Baugebilde. Von Architektur kann man nicht sprechen, denn es existieren nur zweckdienliche Innenräume, während sich die Aussenhaut in Gestalt friedlicher Weinberge tarnt. Dementsprechend waren auch nicht Architekten sondern Ingenieure am Werk, um die monströse Anlage mit deutscher Perfektion zu errichten. Auf einer Fläche von ca. 83000 Quadratmetern und einer Ganglänge von immerhin 19 km wurden in dem durch die Talsenke geteilten Bauwerk fünf selbständig funktionierende Einheiten doppelgeschossig angelegt. 936 spartanisch eingerichtete Schlafzimmer, 897 Büro- und Konferenzräume, fünf Kommandozentralen, ebenso viele Grossküchen, Waschräume und Frisiersalons, fünf klinische Stationen samt Operationssälen sollten die notwendige Grundversorgung der ausersehenen Regierungsmitglieder sicherstellen. Bezeichnenderweise fehlt eine Bibliothek. Hingegen sind die geradezu erschlagenden Anlagen der Frisch- und Abwasserkanäle, der Belüftungs- und Beleuchtungssysteme dem Bauvolumen zuzurechnen. Man bedenke, dass der Steuerzahler für dieses 'Exklusivhotel' mittlerweile rund 3 Milliarden Mark berappen musste.

Beeindrucken allein schon solche abstrakten Zahlen und Ausmasse, so versagt angesichts des realen Baus die menschliche Vorstellungskraft, letztlich ist der Regierungsbunker nur in Gestalt eines kleindimensionierten Modells annähernd fassbar. Dieses gedankliche Taumeln zwischen Realität und Fiktion, Geschichte und Gegenwart lässt an ein geisterhaftes Foto von 1945 denken, welches Adolf Hitler im Führerbunker grinsend das Modell seiner geplanten Gigantenstadt Linz betrachten lässt, während droben im zerbombten Berlin bereits der Endkampf tobt. Der Marienthaler Bunker entzieht sich, wo immer man sich aufhält, gänzlich der Überschaubarkeit, man ist orientierungslos. Dass die kafkaeske Situation trotz der 38 Verbindungen zur Aussenwelt klaustrophobische Ängste hervorgerufen hat, bezeugen noch heute traumatisierte Arbeiter des ständig anwesenden 180 Mann starken Wartungspersonals, wohlgemerkt 'Mann starken', denn das gesamte Unternehmen war stets eine reine Männerdomäne. Diese beamteten Techniker und Angestellte waren zu strengster Geheimhaltung angehalten, genauso wie jene Soldaten, die im Bunker einen dreiwöchigen Übungsdienst absolvierten, und wie die jährliche Abordnung von Regierungsmitgliedern. Allerdings gibt es auch überzeugte Ingenieure der ersten Stunde, die durch die Schliessung des Bunkers ihr 'Lebenswerk' zerstört sehen. Somit spiegelt dieses Unterweltszenario, das tatsächlich über Jahrzehnte unbemerkt stattgefunden hat, die lähmende, angstbesetzte Gesamtverfassung der bundesdeutschen Politik und Gesellschaft zwischen 1960 und 1990 wieder.

Andreas Magdanz entreisst nun dieses politisch, militärisch und architektonisch absurde Monstrum gerade noch rechtzeitig dem stillschweigenden Verschwinden und bringt es ins Gespräch, nicht zuletzt durch das beachtliche Presseecho. Mit grossem persönlichen Einsatz hat der 1963 in Mönchengladbach geborene Fotograf in den Jahren 1998 und 1999 sieben Monate lang den östlichen Trakt systematisch erforscht und mit der Grossbildkamera markante wie belanglose Details in eintausend vorwiegend Schwarzweiss-Fotos festgehalten. Einhundert Fotos sind inzwischen zu einer stattlichen 'Gebäudemonographie' zusammengestellt und diese im Eigenverlag herausgebracht. Der vormalige Staatsminister Michael Naumann lehnte jegliche Förderung des Projektes als 'nicht von bundespolitischer Bedeutung' ab. Gleich seiner Politikerkollegen übersieht auch er, dass sich hier ein Künstler dagegen wehrt, wie wieder einmal ein Stück bundesrepublikanischer Geschichte ohne öffentliche Diskussion vernichtet wird. Nicht nur die Fotos sollten von der Bundesrepublik angekauft werden, sondern es wäre nötig, wenigstens einen Teil der Anlage als authentisches museales Anschauungsobjekt zu erhalten, denn mit welchem Recht empören wir uns gerade über die verbrecherischen Zerstörungen von Kulturgut durch die frommen Krieger der Taliban, wenn wir uns der Denkmäler der eigenen Geschichte berauben. Undenkbar, dass dermaleinst Archäologen den Bunker als einen Fremdling innerhalb des deutschen Gebietes ausgraben werden, bevölkert von Menschen in Gestalt des »Gasmaskenprüfgerätes«.

Magdanz hat den prachtvollen, querformatigen Bildband mangels eines herausragenden Baudetails mit einem orangefarbenen Umschlag umgeben, welchen ein Bomber symbolisch mittig 'überfliegt' und zwar sinnfälligerweise Feind-orientiert von Ost nach West. Das Logo entstammt einem der zahllosen Magnetsticker, die Magdanz im Innenleben eines Schrankes des militärischen Lagezentrums fand, welches er erstaunlicherweise fotografieren durfte. Wenn man sich die abartige Menge militärischer Symbole auf diesen Stickern wie etwa »Überwasserstreitkräfte«, »Sperrflug«, »Abschirmung« oder »Verluste« anschaut, die zahlreichen Ortsnamen und kryptischen Zeichen noch hinzu rechnet, nicht zu vergessen die politischen Landkarten aus den 60er/70er Jahren, bekommt man eine Vorstellung von dem lächerlich anmutenden Irrsinn dieser militärischen Sandkastenspiele la 'Schiffe-Versenken' im Verhältnis zu einer seinerzeit tatsächlich denkbaren atomaren Weltkatastrophe.

Die Fotografien illustrieren den Weg, den ein Besucher innerhalb der östlichen Anlage von Ost/West nach Ost/Ost durchwandert; sie beginnen mit einem ebenerdig gelegenen Eingangstor, das unwillkürlich die Erinnerung an die Wachttürme der DDR wachruft. Diesem Foto folgt unmittelbar eine Abbildung von einer der Schaltzentralen, und diese wird wiederum abgelöst von einer Darstellung eines der schweren Eingangstore. So wird der Betrachter vom Fotografen auf brillante Weise von Anfang an in die Ambivalenz des gleichermassen faszinierenden wie grauenerregenden Konstrukts in seiner penibel durchdachten und dabei so abstrusen Planung verwickelt. Der rein dokumentierende Bildband zeigt doch die bildnerischen und dramaturgischen Fähigkeiten des versierten Fotografen, der an der Fachhochschule Aachen bei Wilhelm Schürmann studiert hat. Um z.B. die Aufmerksamkeit des Beschauers aufrecht zu halten, streut er zwischen die Schwarzweissaufnahmen in ihrer wirklichkeitsgetreu bleiernen Ausleuchtung einige farbige Bilder. Sie setzen eine Zäsur zwischen einzelne Kapitel und fangen zudem die einheitlich festgefrorene Ästhetik der 70er Jahre ein. So führt er etwa die rosarote Bestuhlung des Konferenzraumes vor, welchen orangefarbene Lampen ins Licht setzen, oder an anderer Stelle den Frisiersalon mit seinen blauviolett bezogenen Stühlen. Diesem Interieur gegenüber hat man beim Anblick des durch die Glasscheibe fotografierten Waschraumes unwillkürlich die perfiden Reinigungsmethoden in Konzentrationslagern vor Augen. Magdanz hat das zur Zeit des Fototermins leider schon reichlich dezimierte bewegliche Inventar gänzlich unberührt belassen, wodurch klinisch sterile Räume neben stillebenartigen Situationen mit unachtsam vergessenem Werkzeug zu stehen kommen. Seiner Strategie gemäss, hat Magdanz nichts manipuliert oder dramatisiert, lehren die nackten Fakten schon hinreichend das Fürchten, insbesondere auch die allgegenwärtige, übermächtige Technik und die unzähligen einschüchternden Warnschilder; diese nahsichtigen, bedrohlichen Ansichten schieben sich bei aller Sachlichkeit dramatisch zwischen die vielfach zentralperspektivisch aufgenommene Berichterstattung.

Was die Fotografien nicht zu leisten vermögen, veranschaulicht unterstützend ein einstündiger Videofilm. In mehrteiligen Sequenzen schleust er den Betrachter durch die endlosen kathedralhohen Gänge und kanalrunden Röhren und vermittelt durch die monotone Bewegung ein Gefühl des Schwindels, als würde sich ein gewalttätiger Schlund öffnen, natürlich weniger abstrakt als das »Kanalvideo« von Fischli/Weiss. Begleitet wird die nervzehrende Bewegung durch zermürbend hallende, dumpfe oder zischende Geräusche, ausgelöst vom langsamen Zufallen tonnenschwerer Türen oder von der latenten Belüftung.
Diesen Videofilm kann man derzeit in einer Ausstellung in der »Alten Rotation« in Bonn anschauen. Das derzeitige Interimsquartier des Rheinischen Landesmuseums gibt mit seiner architektonisch passenden Kulisse einen eindrucksvollen, wenn auch minimalen Einblick in das gesamte Unterfangen von Andreas Magdanz. Zwischen wenigen hochgezogenen Fotografien sind originale Gegenstände aus dem Bunker ausgestellt, so etwa ein Transportwagen, vollgeladen mit unansehnlich postgrauen Telefonapparaten sowie ein Elektrowagen, auch die erwähnte anheimelnde wie befremdliche Sitzgarnitur. So einprägsam diese realen Requisiten auch sind, sie können, aus dem Kontext genommen, nicht jene atmosphärische Wirkung erzielen, die von Fotos und Video ausgeht, ganz zu schweigen von jener eines Besuches unter Tage.

Gefragt nach seinen zukünftigen Plänen, bekundet Andreas Magdanz, dass er sich nach den beiden auch psychisch strapaziösen Fotoprojekten »Garzweiler« und »Dienststelle Marienthal« vorerst Thema widmen wolle, die nicht wieder die Hinterlassenschaften eines dem Untergang geweihten Problemfeldes ins Visier nehmen, und zwar im Bewusstsein dessen, dass das Fotografieren - Aktualität hin, Dokumentation her - schliesslich immer mit Einfrieren eines Ist-Zustandes und letztendlich mit dem Tod zu tun hat.

Ausstellung: »Alte Rotation«, Bonn, bis 22.4.
Buch: Dienststelle Marienthal - Eine Gebäudemonographie, Aachen, 198 DM
 
 
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