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  SÜDDEUTSCHE ZEITUNG Nr. 296
Feuilleton - Weihnachten, 23./24./25./26./ Dezember 2000


Der Untergang des Untergangs
Kein Bauwerk spiegelte den Seelenzustand der Bundesrepublik so sehr wider wie ihr einst geheimstes Bauwerk: Der ehemalige Regierungsbunker unter den Ahrweinbergen bei Bonn muss erhalten werden!

Von Michael Winter

Staatsgeheimnisse gibt es seit uralten Zeiten in zwei Formen: Als Software und als Hardware. Die greifbaren Staatsgeheimnisse waren meist submarin oder subterran untergebracht - zum Beispiel die grösste Leiche im Keller des westlichen Teils der beiden versunkenen deutschen Nachkriegsstaaten: ein Bunkerkoloss unter den Ahrweinbergen bei dem Weinort Marienthal, gute zwanzig Kilometer Luftlinie vom ehemaligen Regierungssitz in Bonn entfernt.

Bis zu dreitausend VIPs aus Militär, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollten hier den Atomkrieg überstehen, zumindest seine ersten Wochen, und von hier aus das weiter führen und regieren, was oben übrig blieb. Dieser »Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrnehmung von deren Funktions-fähigkeit«, wie der Bunker im Amtsdeutsch offiziell hiess, wurde in den fünfziger Jahren geplant und war im Jahr 1971 endgültig fertiggestellt. Am 8. Dezember 1997 beschloss das Bundeskabinett, den Bunker aufzugeben und ihn der Oberfinanzdirektion Koblenz zur weiteren kommerziellen Verwertung zu übergeben. Mit diesem Datum wurde auch die Geheimhaltung aufgehoben. Zum ersten Mal konnten Vertreter von Fernsehen und Presse das höchste Staatsgeheimnis der Bundesrepublik besichtigen, über das öffentlich zu reden bis dahin den Straftatbestand des Landesverrats erfüllt hätte.

Der Bunker ist eine architektonische , politische und militärische Planungs- und Denk-groteske. Kein anderes Gebäude der alten Bundesrepublik spiegelt so genau den Seelenzustand der westdeutschen Gesellschaft zwischen 1950 und 1980 wider. Die Gesamttunnellänge der in fünf voneinander abschottbare Sektoren geteilten Sicherungs-anlage beträgt 19 Kilometer. Insgesamt besteht die unterirdische Welt aus 936 Schla-fzellen, 897 Büroräumen, fünf Grosskantinen, fünf Kommandozentralen, fünf Kranken-stationen inklusive Operationssälen. Es gibt ein Bauwerk West, das in die Abschnitte West/West, West/Mitte und West/Ost unterteilt ist und ein Bauwerk Ost mit den beiden Abschnitten Ost/West und Ost/Ost. Hier befinden sich der Plenarsaal, die Räume für das Bundeskanzleramt und das Bundespräsidialamt mit Vorzimmern, Empfangs- und Konferenzräumen und den Schlafzimmern des Kanzlers und des Bundespräsidenten. Die Tunnelröhren sind zweigeschossig und mit einer aufwendigen Belüftungs- und Dekontaminationstechnik ausgestattet. Es ist möglich, das gesamte Areal für mindestens einen Monat total von einer atomar verseuchten Aussenwelt abzuschotten. Die Frage, was dann käme, galt als Tabubruch.
Noch heute traut sich kein ehemaliger Bonner Politiker über den Bunker zu reden. Geschweige denn zuzugeben, dass er mal drin war. Dem Kanzler und dem Präsidenten war es verboten, den Bunker während der NATO-Übungen, die alljährlich stattfanden, zu betreten. Zu gefährlich.

Allein für den Bau der Bunkergroteske hat der Steuerzahler nach heutigen Schätzungen zwischen drei und fünfzig Milliarden Mark hingeblättert. Der Zweck ist dem Bauwerk nicht erst nach der Wiedervereinigung abhanden gekommen. Bereits bei seiner Fertigstellung war die »Dienststelle Marienthal« angesichts der weit fortgeschrittenen Rüstungstechnik praktisch sinnlos. Es gab hinter dem Geheimnis des Bunkers noch geheimere Pläne. Nach Recherchen des Journalisten Michael Preute sollten die bunkerwürdigen VIPs im Ernstfall nach Orlando in Florida ausgeflogen werden.

Der Bunker war spätestens nach seiner Fertigstellung nichts weiter als eine militärische Spielkulisse für NATO-Szenarien, aber er blieb das bestgehütete politische und militärische Geheimnis der Bonner. Jeder Handwerker, der elektrische Birnen auswechselte, wurde beamtet und musste mit erhobener Hand Verschwiegenheit schwören. Während also der Elektriker seiner Frau nicht verraten durfte, wo er arbeitete, obwohl im Ahrtal jeder wusste, was unter dem Weinberg lag, konnte sich andererseits ein findiger Journalist die genauen Baupläne des »Rosengartens«, wie der Bunker in Geheimdienstkreisen hiess, aus Ostberlin schicken lassen. Drei Jahre lang hat man in Koblenz nach einer seriösen Verwertungslösung für das Atommonstrum gesucht. Es gab Vorschläge für eine Bunkerdisco, für ein Abenteuerhotel, für eine Pilzzucht und zur Lagerung von Geldmünzen oder von privaten Lieblingsstücken für die Ewigkeit. Die Vorschläge machen deutlich, wie kläglich sich zivile Konversionsphantasien gegenüber den atomaren Endspielvorstellungen des Kalten Krieges ausnehmen.

Bevor der Bunker nun auf Beschluss der Bundesregierung entkernt und versiegelt wird, hat der Aachener Fotograph Andreas Magdanz das gesamte Bauwerk in seiner grotesken Schauerlichkeit in einem opulentem Bildband festgehalten. ( ... )

Magdanz gelingt es, mit seinen Fotos die Zwiespältigkeit der Anlage zu zeigen. Aus allen Bildern springt den Betrachter die erschrecken rührende Naivität an, mit der sich Verwaltungsbeamte und Sandkastenmilitärs den Atomkrieg und das Überleben darin vorgestellt haben. In Magdanz` Fotos wird der Bunker zu dem, was er wirklich ist: eine einfältige Rettungsphantasie angesichts eines Weltuntergangs von biblischem Ausmass.

Realisiert mit dem graustufigen Erfindungsreichtum von Verwaltungsbeamten und Militärs. Es wohnt dieser Architektur dieselbe Naivität inne, wie sie uns aus dem Umgang der Behörden mit der Atomkraft überhaupt entgegenschlägt. Da kommen Erinnerungen an Broschüren hoch, die für den Fall eines atomaren Unglücks empfahlen, die Fenster zu schliessen, unter einen Tisch zu krabbeln und sich eine Aktentasche über den Kopf zu stülpen. Dieser Geist wird lebendig, wenn man sich Magdanz´ Bunkerfotos anschaut.

Die Marienthaler Architektur ist reine Innenarchitektur. Es ist der Sinn dieses Bauwerks, dass es von aussen nicht fotografierbar ist. Zu sehen sind kilometerlange Gänge in kaltem Neonlicht, die in der Ferne zu einem schwarzen Punkt zusammen-schmelzen. Im Vordergrund ein auf den weissgrauen Putz gemalter Pfeil mit der Aufschrift »Notausgang«. Allgegenwärtig sind die Rohre der Belüftungstechnik und die Kabel-leitungen für Strom und interne Kommunikation. Die Technik ist auf dem Stand der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Die Monitore im Überwachungsraum haben das Design aus dieser Zeit. Die Dieselmotoren und die meterdicken Sicherheitstore der Firma MAN sind Spezialanfertigungen, für die es heute nur noch in der Dienststelle selbst Ersatzteile gibt. Magdanz` Fotos zeigen eine karge Zweckarchitektur. Einfachste Ausstattung der Büros. Telephone mit Wahlscheiben noch in der originalen Liefer-verpackung. In vielen der fast 900 Büroräumen hat fast nie jemand gesessen. Gespenstisch in seiner Irrealität ist vor allem das militärische Lagezentrum, das Magdanz als einziger fotografieren durfte.

Am Eingang die Aufschrift »Nukleare Lagezelle. Zutritt nur mit CTS/ATOMAL-Konferenz-Bescheinigung«. Ein Schrank gibt ein Teil des NATO-Spielzeugs preis. Auf orange-farbenen Magnetstickern, die an der Innenseite der Schranktür neben Symbolen für Atomkraftwerke, Bomber und Fallschirmspringer kleben, kann man Namen wie Ankara, Berlin, Eisenach, Kola, Kiev, Kolberg, Moskau, Murmansk lesen und Begriffe wie »Niedrig«, »Mittel«, »Kriegsschauplatzreserve«, »Mainstay«, »Handelsschiffe«, »Bestand«, »Überwasserstreitkräfte«. Vor allem fällt das Wort »Verluste« auf, das in allen Variationen der Druckkunst vorhanden ist. Zwischen den Kästen mit Buchstabenplättchen liegt ein Pappkarton mit der Aufschrift »Bratenschmalz«. Das Staatsgeheimnis, das uns Magdanz vorwiegend in schwarzweiss Fotos vor Augen führt, wirkt, ans Licht gezerrt, lächerlich. Wir rasen durch die Gänge auf der Suche nach dem Gott des Kalten Krieges, der zwei Generationen von Mitteleuropäern zu Mitübenden der Militärs gemacht und in Angst und Schrecken gehalten hat, und wir landen am Ende eines Tunnels bei einer öffentlichen Telefonzelle der ehemaligen Bundespost. Was war der Kalte Krieg? Eine endlose Reihe von Manövern? Ein kollektiver Endzeitwahn? Eine tatsächliche Bedrohung der Menschheit? Wer im Elektrokarren durch die Tunnelanlage unter den Ahrweinbergen fährt, dem wird endgültig klar, wie Staatsgeheimnisse funktionieren. Sie werden wie alle Mythen - politische, ökonomische und religiöse - aus Angstphantasien zusammengesetzt, hinter denen nichts weiter steht als Machtwille, organisiert in Verwaltungsvorgängen. Die Relikte der Angstverwaltung einer ganzen Epoche sind im Ahrbunker und vielleicht bald nur noch im Fotoband von Andreas Magdanz zu besichtigen.

Der Bunker ist das bedeutendste Architekturdenkmal der Epoche des Kalten Krieges in Mitteleuropa und sollte wenigstens zu einem Teil unter Denkmalschutz gestellt werden. Bisher hat sich kein einziger Politiker im Bund oder im Land Rheinland-Pfalz dafür eingesetzt. Rückbau und Versiegelung, wie es im Amtsdeutsch heisst, bedeuten den unwiederbringlichen Verlust einer Architektur aus einem Maulwurfsgeist, der kenn-zeichnend war für die Mentalität der Nachkriegsdeutschen in Ost und West. Im Moment trauert keiner dem Bunker nach. Aber eigentlich müssten gerade die Deutschen wissen, dass Zeugnisse aus der Vergangenheit, die man vergräbt, eines Tages spektakulär wieder auferstehen.
 
 
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