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  Südkurier, KULTUR
24.11.2012

Stammheim, ästhetisch
von Garbriele Renz


Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt Arbeiten des Fotografen Andreas Magdanz. Der RAF-Mythos schwingt immer mit

Geht das? Die Stuttgarter Strafanstalt Stammheim zu fotografieren, ohne mit dem Mythos der prominentesten Häftlinge zu kokettieren? Den Haftbau Stammheim abzubilden, ohne diese historisch knisternde Folie?

Ja und Nein, muss die Antwort lauten. Ohne diese spezifische Geschichte der Roten Armee-Fraktion funktionieren die Fotografien von Andreas Magdanz nur eingeschränkt, wie die Ausstellung im Stuttgarter Kunstverein zeigt. Magdanz führt diese durch Geschichten und Kolportagen aufgeladene Zweck-Architektur zwar auf ihr Wesen zurück.

Aber auch die grossartige Ästhetik der Stammheim-Bilder kann das Mitgemeinte nicht verdrängen. Der Zeitpunkt für eine solche Schau ist gut gewählt. Der Bau eins in Stammheim soll demnächst abgerissen und durch einen modernen Trakt ersetzt werden. In dessen siebten Stock sassen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Ulrike Meinhof ein. Dort haben sie sich in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 selbst getötet. Ein Museum, das die RAF-Zeit verklären könnte, lehnten die politisch Verantwortlichen in Baden-Württemberg früh ab – und zwar über alle Parteien hinweg. Doch noch immer ist das Bedürfnis nach Verstehen greifbar. Der Mythos dieses Ortes ist ungebrochen. Die Anstalt liess sich wohl auch deshalb, um eben diesen Mythos zu schleifen, auf das Fotoprojekt ein.

Der in Mönchengladbach 1963 geborene Fotograf näherte sich auf seine eigene, sehr spezielle Art an. Er mietete sich gut vier Monate in der Nähe der JVA ein, lebte nur wenige Meter Luftlinie entfernt in Tuchfühlung und fotografierte mehrere Monate lang diesen Geschichtsort – wie zuvor schon die BND-Zentrale in Pullach oder das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. 25 meterbreite oder meterhohe Stammheim-Bilder sind zu sehen, alle bis auf eines schwarz-weiss hinter Glas abgezogen.

Ins Auge fällt zuallererst die Ruhe, die diese grossen Aufnahmen ausstrahlen. Ihre suggestive Wirkung entsteht durch ihre klare, fast sterile Schwarz-Weiss-Grau-Struktur. Dunkle Vertikale und Horizontale durchteilen die Flächen, die Rahmen von Türen, von Fenstern oder Deckenbegrenzungen. In der „Mehrzweckhalle“, eigens für die RAF-Prozesse gebaut, lichtet Magdanz die Anklagebänke ab, die wie dicke weisse Balken quer im Blickfeld liegen. Im „Pressebereich“ die Schreibzellen der Journalisten, hinter Glas mit einem klobigen Telefon, das ganz bestimmt orange war oder olivgrün wie zu jener Zeit in Mode. Zu sehen ist: ein helles Telefon auf einem noch helleren Tisch.

Und so ist es auch im siebten Stock: Das Grellorange der Zellentüren sieht man nur als dunkle Recktecke, die beigefarbenen Stühle auf hellem Linoleum in Zelle 719 erscheinen als ruhiges Grau-in-Grau. Magdanz steigt auch in den Hubschrauber, um das 50 000 Quadratmeter grosse Areal abzubilden: in grafischer Nüchternheit einer Triangel gleichend.
Es sind keine dokumentarischen Aufnahmen. Dazu fehlen Menschen auf den Bildern, Gegenstände, Lebenszeichen. Magdanz fotografierte die Räume, den Hof mit Mauer und Stacheldraht oder die Fassaden nicht einfach ab. Für ihn wurde das Areal geleert. Lange habe er die richtige Position der Digitalkamera, die richtige Einstellung gesucht, berichtet er in einem im Kunstmuseum zu sehenden Kurzfilm über die Entstehung der Aktion. Er mache die Bilder vor allem für sich, sagt Magdanz.

Er legte sich mal auf den Boden (weil Baader das oft tat) oder er öffnete das vergitterte Fenster (weil Ensslin daran hing) und er stellte sich ins Schlafzimmer einer Bediensteten-Wohnung mit Blick auf den massigen Bau. Magdanz arbeitet sich wie ein Tatortprofiler an seine Objekte ran – Orte zumeist, die ihren Mythos politisch-gesellschaftlichen Verwerfungen und Erhitzungen verdanken.

Auch Stammheim ist im kollektiven Gedächtnis abgespeichert als bedrohlicher Ort, von dem aus Häftlinge in die Republik hineinwirken konnten, als Ort, an dem Gericht und Gefängnis eins waren, und für die politischen Gefangenen Sonderformen der Unterbringung galten. Geschichten und Kolportagen bis heute. Magdanz geriert sich als fotografischer Trüffelsucher, der wissen will, wie viel davon vor der unbestechlichen Linse Bestand hat. Wie sehr die kahlen, mit grauer Ölfarbe bestrichenen Mauern den Atem der Geschichte hauchen oder wieviel Einbildung ist. Er bietet gestochen scharfe, ästhetische Fotografien dieses Nutzbaus. Die wesentliche Frage aber bleibt unbeantwortet: wie man die Bilder sehen würde, wüsste man nicht, dass dies Stammheim ist.
 
 
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