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  PHOTOPRESSE 42-2000
Kultur / Dokumentation - 19. Oktober 2000


Geheimhaltung aufgehoben

Von Roland Franken

Zur Pressekonferenz hat Andreas Magdanz in den ehemaligen Kabinettssaal der »Dienststelle Marienthal« geladen. Der Journalistentross versammelt sich zunächst vor dem Eingang, der unmittelbar am »Rotweinwanderweg« im idyllischen Ahrtal liegt. Die Umzäunung, die Suchscheinwerfer auf dem Dach des Betonklotzes und die verspiegelten Scheiben deuten darauf hin, dass es sich beim im Volksmund vieldeutig »Cafč Hoch« genannten Betonklotz nicht um einen gewöhnlichen Zweckbau handelt, sondern um den Zugang zum bis vor drei Jahren amtlich geheim gehaltenen »Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrnehmung von deren Funktionsfähigkeit«.

Präzise Sezierung der Wahrheit

Eine Zeitungsnotiz im Handelsblatt brachte Andreas Magdanz 1998 auf die Idee, sich des Regierungsbunkers mit fotografischen Mitteln anzunehmen. Nach der Aufhebung der Geheimhaltung beantragte er 1998 beim Innenministerium die Erlaubnis, im Bunker fotografieren zu dürfen - und erhielt diese auch nach zähen Verhandlungen. In der Folge liess er sich von dem Projekt fesseln, zeitlich und auch inhaltlich. Schnell stellte sich heraus, dass die zunächst veranschlagten drei Tage nicht reichen würden, den Bunker auch nur annähernd fotografisch zu erfassen. Aus den Tagen wurden sechs Wochen, aus sechs Wochen schliesslich ein halbes Jahr.
Der Bunker sprengt durch seine schiere Dimension das Vorstellbare, und eben darum sind die Bilder von Magdanz so faszinierend: ähnlich wie bei filmischen Dokumentationen von Schiffsbergungen oder archäologischen Ausgrabungen wird der Betrachter zum Mit-Entdecker. Banale Details - ein Waschtisch, der Friseursalon, ein Aschenbecher - zeigt Magdanz neben den Versorgungseinrichtungen, die grossindustrielle Dimensionen haben. So wird das Ganze in Teilen sichtbar. Die planerische Präzision dieser Form vorgreifenden Krisenmanagements einzufangen, ist Andreas Magdanz in seinem Buch zweifellos gelungen. »Die Bilder von Andreas Magdanz sezieren in der detailreichen Schärfe des Grossformats eine unbehagliche Wahrheit des Möglichen«, analysiert der Kunsthistoriker Christoph Schaden treffend im Epilog des Buches.

Fotografische Bestandsaufnahme als Nachbetrachtung

Als Andreas Magdanz mit seiner Kamera auf die Entdeckungsreise ging, war die Schliessung des Bunkers bereits beschlossene Sache. Ihm ging es folglich nicht um die Visualisierung einer Katastrophensimulation, sondern um die Bestandsaufnahme eines Funktionsbaus für den Ernstfall, eines Funktionsbaus freilich, der diese seine Funktion bereits verloren hatte. Schon jetzt sind einige Sujets in Magdanz´ Buch Historie, nicht mehr nachvollziehbar, im wahrsten Sinne des Wortes ausgeräumt. Das Präsidialzimmer beispielsweise existiert nur noch als Foto: Mit rosafarbenen Sofas und Lampen eingerichtet im Stil der sechziger, wirkt das Ensemble im Umfeld der technisch-funktionalen Bunkerinfrastruktur wie eine skurril anmutenden Installation.

"Dienststelle Marienthal - Eine Gebäudemonographie von Andreas Magdanz«. So lautet der vollständige Titel des Buches, das Magdanz nicht nur fotografiert und am Computer gestaltet hat, sondern auch im Eigenverlag herausgibt.
Das Werk mit 160 Seiten enthält achtzig schwarzweisse und zwanzig farbige Aufnahmen sowie einen Lageplan, anhand dessen eine Zuordnung der Fotos möglich ist. Fotografiert hat Andreas Magdanz insgesamt über 1000 Bilder, mit einer 4x5 Inch Grossformatkamera und, im Format 6x9, mit einem Mittelformat-System und die besten Bilder ausgewählt.

Die Qualität der Reproduktionen im Buch ist exzellent und wird den Fotografien in besonderer Weise gerecht: Dank eines besonderen Druckrasters sind die Bilder in hervorragender Qualtiät und adäquatem Tonwertreichtum wiedergegeben. Das matt gestrichene Papier sorgt für eine diffuse Flächigkeit - ganz so, wie es die Lichtstimmung »drinnen« vorgibt. Für Repro und Druck zeichnet sich die belgische Firma Salto verantwortlich.

Sonderedition mit Aschenbecher

Die »Dienststelle Marienthal« wird bald Geschichte sein: Da für eine privatwirtschaftliche Nutzung der Bunkeranlage keine Lösung gefunden werden konnte, wird die komplette Anlage für 60 Millionen Mark »zurückgebaut«. Sogar die Farbe an den Wänden wird - wegen möglicher Grundwassergefährdung - vor der Verschliessung der Anlage abgekratzt.

Zurück bleibt die blanke Röhre - und vielleicht ein Buch von Andreas Magdanz: »Ich würde gern ein Exemplar in dem verschlossenen Bunker zurück lassen - für spätere Generationen«, so der Autor. Wer heute schon einen Blick in dieses Kapitel jüngerer deutscher Vergangenheit werfen möchte, kann das Werk auch einfach bestellen.
Insgesamt 1500 Exemplare wurden in der ersten Auflage gedruckt und können für 198,- DM direkt über das Internet (www.dienststellemarienthal.de ) oder den Buchhandel geordert werden.
75 Exemplare werden als limitierte Edition mit einem blassblauen Originalaschenbecher aus dem Bunker mit »M´thal"-Prägung herausgegeben, weitere 75 Exemplare des Buches enthalten einen Originalabzug des Motivs »Gasmaskenprüfgerät"; die Sondereditionen kosten je 350 Mark. Für die Homepage hat Magdanz visuelle und akustische Kostproben aus dem Bunker aufbereitet, darüber hinaus Ausschnitte aus einem selbstgedrehten Video, das für 49,- Mark ebenfalls im Online-Shop bestellt werden kann.
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