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  Potsdamer Neue Nachrichten
01.03.02

Kriegsspiele in der Dienststelle Marienthal
Im Einstein-Forum: Andreas Magdanz über den Regierungsbunker bei Bonn

Von Carsten Sass

Die Autobahn Hannover von Flüchtlingen freigeschossen, dass Kreuz Meckenheim blitzschnell zu einer Landebahn für Düsenflugzeuge umgerüstet, die erste Atombombe auf Ost-Deutschland abgefeuert. Bis zum Ende der 80er Jahre wurde im Regierungsbunker in Bonn alle zwei Jahre der weltweite Atomkrieg simuliert. Von 1998 bis 99 fotografierte Andreas Magdanz aus Aachen über sieben Monate hinweg in der sogenannten »Dienststelle Marienthal«.
Am Mittwoch sprach er im Einstein-Forum zu seiner Arbeit. Sein künstlerisches Interesse galt dem Wahnwitz der Sandkastenspiele, dem baulichen Zeugnis der Angstfantasien, diesem Ausweichsitz für den »Krisen- und Verteidigungsfall«, diesem »preussischen Per­fektionismus ohne Sinn und Verstand«, wie ein Freund des Autors nach dem Anschauen der Fotos sagte, von denen eine Auswahl auch in einem Fotoband vorliegt.

Die Dimensionen des Bunkers sind kaum nachzuvollziehen: 83000 Quadratmeter Fläche, 25000 Türen, 19000 Meter Gänge, 897 Büros, fünf Kommandozentralen und Grossküchen. Selbst in sieben Monaten war dies nicht zu bewältigen und so bleibt es auch für den Künstler »im Grunde ein Fantasiegebilde«. In den 60er Jahren gebaut, wurden bisher rund drei bis fünf Milliarden DM für den Bunker - am Parlament vorbei - zur Verfügung gestellt. Als die »Quick« 1962 über den Bau berichtete, wurde die Ausgabe landesweit durch die Polizei eingezogen und die Redakteure wurden des Landesverrats bezichtigt. Bis heute gibt die NATO die Akten nicht frei und Politiker leiden hinsichtlich ihrer Bunkerbesuche an zeitweiser Amnesie. Also alles äusserst geheim. Und doch sass die Stasi stets dabei. Nach 1989 wurden die Spione enttarnt und mit Freiheitsstrafen von vier bis zwölf Jahren bestraft! Die konzeptionelle Klarheit und die deutsche Ingenieurskunst faszinierten den Fotografen. Für ihn stellt der Bunker ein wertvolles Kulturdenkmal dar. Mit Blick auf den teilweise bereits vollzogenen Rückbau zog er den Vergleich zu den von den Taliban zerstörten Buddhastatuen und sprach von »unserem Buddha«. Der Bund jedoch stemmte sich gegen die Aufnahme als Baudenkmal und nur wenige Museen übernahmen Teile der Inneneinrichtung. Dabei empfindet der Künstler ein Museum als notwendig, um die groteske Fassade, die Grossmannssucht permanent zu hinterfragen. Seine Vorträge will er über das Stammtisch-Niveau hinaus als Gelegenheit für Reflexionen auf gegenwärtige Verhältnisse nutzen. Als Künstler fände er Zuhörer, bei denen er auch einen grossen Kredit an Glaubwürdigkeit hätte. Mittlerweile ist er es gewohnt, dass seine Kunst in diesem Fall hinter die Politik zurück tritt. Er freut sich sogar, die Kunst für die politische Botschaft nutzen zu können und hofft, dass sich aus dem Protest Widerstand for­miert.

Ungewöhnlich waren die vielen Wortbeiträge und Fragen der Zuhörer. Das lag sicher auch an der Vortragsweise des Künstlers. Klar, knapp und präzise sprach er über seine Arbeit im Bunker und über seine Erfahrungen und Schlussfolgerungen. Den Vortrag bebilderte ein Video, dass eine ungefähre Vorstellung der Grösse und Konzeption des Bunkers gab.
 
 
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