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11/2000


DIENSTSTELLE MARIENTHAL
Ein Buchprojekt über den ehemaligen Regierungsbunker der BRD - von Andreas Magdanz

Von Christoph Schaden

25.000 Türen bedeuten 25.000 mal die Möglichkeit, eine Schwelle zu überschreiten. Bleiben sie verschlossen, bedeuten sie allerdings ein kafkaeskes Potential visueller wie physischer Verweigerung. Selbst die Anschauung verweigert sich vor 25.000 Türen.

Zweifellos zählt der Regierungsbunker in Marienthal mit 25.000 Türen zu den grössten Verweigerungen der Bundesrepublik Deutschland. Strikte Informationssperre mit teils aberwitzig anmutenden Geheimhaltungscodes haben seit seiner Inbetriebnahme im Jahre 1972 für eine extreme Dämonisierung und Mythisierung des Bauwerks gesorgt. Selbst den amtierenden Kanzlern, die nie die »Dienststelle Marienthal« besucht haben, war die Angst vor dem Ort wohl zu gross, vor dessen Inbetriebnahme jede Vorstellung versagt. Es ist nicht erstaunlich, dass der 25 Kilometer südlich von Bonn gelegene Regierungsbunker auch nach dem Mauerfall in Westdeutschland das skurrilste und zugleich geheimnisvollste Relikt des Kalten Krieges geblieben ist. Die konsequente Strategie der Verweigerung ist nicht nur in der über Jahrzehnte forcierten Geheimhaltungspolitik ablesbar. Die offenbart sich geradezu in der perfiden Architektur des ins weiche Schiefergestein gehauenen Stollensystems, vor dem jede Anschauung kapituliert.

Der umbaute Raum des labyrinthartigen Stollensystems umfasst 367.000 Kubikmeter. Unter anderem finden sich hierin 936 Schlafzellen, 897 Büros, fünf Grosskantinen, fünf Kommandozentralen, fünf Sanitätsbauwerke, zwei Fahrradabstellhallen, eine Druckerei, ein Friseursalon sowie ein Raum für ökumenische Gottesdienste. Fünf völlig autarke Sektionen sollten ca. 3.000 Personen eine Lebensgarantie für 30 Tage gewähren. Ein unabhängiges System der Strom-, Wasser- und Luftversorgung sowie ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an Nahrung und Gebrauchsgegenständen bürgten für grösstmögliche Autonomie.

Der Mythos der Unsichtbarkeit
"Der Bunker ist anwesender und abwesender Mythos zugleich geworden: anwesend als für eine transparente und offene zivile Architektur abstossendes Objekt, abwesend in dem Masse, in dem sich die Festung von heute woanders befindet, unter unseren Füssen, von nun an unsichtbar«, schrieb Paul Virilio in seiner brillanten Analyse Bunker-Archäologie.

In Marienthal wurde beispiellos über Jahrzehnte ein Mythos der Unsichtbarkeit inszeniert, der auch die Deutsche Wiedervereinigung und den Zeitraum nach seiner Schliessung im Dezember 1997 überdauert hat. Zwar sollte der Bunker zwischenzeitlich als Standort für ein Münzdepot, eine Technodisco, ein unterirdisches Erlebnishotel und eine Züchtung von Pilzkulturen fungieren. Wegen mangelnder Brandschutzvorrichtungen und zu hoher Folgekosten wurden diese Vorschläge allerdings nicht realisiert. Somit hat sich die Dienststelle Marienthal auch jeglicher zivilen Nutzung verweigert. Mit der Versiegelung und Schliessung ist der Rückbau der Anlage in naher Zukunft definitiv abgeschlossen. Ein zuständiger Beamter der örtlichen Kreisverwaltung bemerkte lakonisch: »Die einstmals streng geheime ŽAnlage zur Landesverteidigung` ist im juristischen Sinne ein Nullum, sie existiert praktisch nicht."

Die Wahrheit des Möglichen
Dem Aachener Fotografen Andreas Magdanz ist es zu verdanken, dass das mit 3 Milliarden Baukosten teuerste Wehrobjekt in der Geschichte der BRD dennoch Gestalt erlangt. Inspiriert durch die Studien Virilios, sah sich Magdanz 1998 durch eine Notiz im Handelsblatt über die Schliessung der Anlage veranlasst, den Regierungsbunker in Marienthal fotografisch zu erfassen. Mit zäher Beharrlichkeit gelang es dem Fotografen, sich Zutritt in den streng gesicherten Wehrbereich zu verschaffen und in einem Zeitraum von sieben Monaten den östlichen Teil der Bunkeranlage zu dokumentieren.

Die vorliegenden Gebäudemonografie, die in Umfang, Druckqualität sowie grafischer und fotografischer Strenge der Einzigartigkeit des Objektes angemessen ist, vermittelt erstmals eine konzentrierte Anschauung der Dienststelle Marienthal. Der vormals entzogene Blick offenbart Wahrheiten jenseits der Sprache und faktischen Auflistung. Während das Tabu des atomaren Ernstfalls bereits in der kindlichen Strategie des Vergrabens offen zutage tritt, wird die konkret sichtbare Manifestation des Bunkersystems bis ins Detail vom Diktum des Konjunktivs gelenkt. Telefone, mit denen im atomaren Ernstfall der Kontakt zur Aussenwelt aufrecht erhalten werden kann (Aufschrift: »112"), sind noch in Plastik verpackt, Stühle sind auf Tische gestellt, Grossküchen bleiben unbenutzt. »Die Verteidigungsarchitektur ist ... eine instrumentelle, sie exsistiert weniger für sich selbst als im Hinblick auf Žein Machen`: warten, wachen, dann handeln, oder eher reagieren«, bemerkte Paul Virilio. Der Bildband von Andreas Magdanz belegt eindrucksvoll, dass in Marienthal die Spannung des Wartens, Wachens und Reagierens nicht eingelöst worden ist. So verharrt das architektonische Ungetüm in einem aberwitzigen Dornröschenschlaf mit dem ihm eigenen Horror. Die Bilder von Andreas Magdanz sezieren in der detailreichen Schärfe des Grossformats eine unbehagliche Wahrheit des Möglichen. Das Warten auf die Apokalypse bildet sowohl den Ausgangs- als auch den Endpunkt ihrer inhärenten Denkstrukturen.
 
 
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