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  Photonews
April 2004


Andreas Magdanz
Auschwitz-Birkenau
Hommage à Marceline Loridan-lvens

von Peter Lindhorst


Aufgeschlagen, beiseite gelegt, drum herum geschlichen, erneut hervorgezogen. Das kleine, freundlich daherkommende Buch von Andreas Magdanz, geschmückt mit seinem einladenden Umschlag, auf dem weisse Margeriten aus einem dunklen Grün entgegenstrahlen. Die Kamera ist tief ins Blumenfeld getaucht. Der Bodenausschnitt schafft einen hohen Grad der Abstraktion. Eine gewollte Verengung des Blicks auf ein wild wucherndes Idyll wird erzeugt. Damit einher geht eine Ahnungslosigkeit des Betrachters über den angezeigten Standort.
Das auf dem Cover wuchernde Idyll setzt sich in Magdanz' Arbeit über Auschwitz-Birkenau fort. Der Blick wird vom Ausschnitt zur Totalen gelenkt. Die Margeriten kehren auf blühenden Wiesen und zwischen schattigen Birkenhainen wieder. Junge Füchse tummeln sich im warmen Sonnenlicht, ein Teich schlummert friedlich in einem Wäldchen. Es scheint sich hier um die entlegensten aller Orte zu handeln, deren Unberührtheit durch die übriggebliebenen steinernen Zeugnisse einer ehemaligen effizienten Todesmaschinerie widerlegt werden: Baracken, Schorn­steine, Wachtürme, Stacheldraht. DieUnschuld des Betrachters zerfällt, wenn Magdanz' Bilder der gesprengten Krema­torien oder Innenansichten der Baracken und der sogenannten »Sauna« dagegen­hält. Doch sind es vor allem die »sonni­gen Ansichten« die den Betrachter vor Kälte erstarren lassen.

Mir drängt sich jener ungeheuerliche Satz aus dem »Roman eines Schicksallosen« in den Sinn: »Und alles Abwägen, alle Vernunft, alle Einsicht, alle Verstandes­nüchternheit half da nichts - in mir war die verstohlene, sich ihrer Hartnäckigkeit selbst schämende und doch immer hart­näckiger werdende Stimme einer leisen Sehnsucht nicht zu überhören; ein biss­chen möchte ich noch leben in diesem schönen Lager.« Mit dem 15-jährigen György wird der Leser in Imre Kertesz sehr empfehlenswerten Roman in die Welt der Vernichtungslager gestürzt. Er erlebt die Naivität des Beteiligten, der seinem kindlichen Leben entrissen wird. Depor­tation, Selektion, Arbeitslager und schwe­re Erkrankung beschreiben die Etappen. Am Ende befreit, kehrt er nach Ungarn zurück, um dort auf Ablehnung zu stossen. Seine Widersprüche als Überlebender werden evident, wenn er so etwas wie ein spätes Heimweh empfindet. Gibt es zwischen den Schornsteinen etwas, das dem Glück ähnlich ist?
Im Zusammenhang mit der deutsch-französischen Filmproduktion »Birkenau und Rosenfeld«, die jetzt in die Kinos kommt, wurde Magdanz gefragt, ob er sich eine fotografische Arbeit über das Lager Auschwitz-Birkenau vorstellen könne. Die Dokumentarfilmerin Marceline Loridan-lvens, Überlebende des Holocausts, benö­tigte ihr ganzes Leben, um ihre traumatischen Holocaust-Erfahrungen filmisch zu verarbeiten. Obwohl sie Dokumentar­filmerin ist, hat sie dafür die Form der Fiktion gewählt. Anouk Aimee spielt Myriam, das Alter Ego von Loridan-lvens, die nach über 50 Jahren wagt, den Ort Auschwitz aufzusuchen. Dort trifft sie auf den jungen Deutschen Oskar, dessen Gross­vater Täter war und der dort fotografiert, um »das Unsichtbare zu zeigen«. Er bit­tet sie, ihm zu helfen, Spuren der Vergan­genheit aufzuspüren. Myriam ist entrü­stet, dass ausgerechnet ein junger Deut­scher ihre Reise an den Ort ihrer Leiden stören will. Während sie gemeinsam das KZ besichtigen, entsteht zwischen diesen beiden Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft so etwas wie Vertrauen.

Auch Magdanz hat zusammen mit der Regisseurin das Lager besichtigt: die Abstellgleise der Bahnstrecke, die Bara­cken, die Krematorien, die mit Menschen­asche gefüllten Seen, die Asservatenkammern, die Rampe, das Haupttor. Nach der Abreise des Filmteams blieb er allein zurück, um an diesen Orten zu fotogra­fieren. Seine Aufgabe war es, Fotos zu machen, die im Film als das Ergebnis von Oskars Arbeit immer wieder auftauchen würden.
Entstanden ist dabei ein konzentriertes Buch in Kleinformat, dessen Bilder narrativ und sperrig zugleich sind. Magdanz verwendet Farbe, was das Buch von ande­ren Arbeiten mit ähnlichem Thema unter­scheidet und radikaler erscheinen lässt. Die Wirkung besteht darin, dass sich mit dem Mittel der Farbe die Distanz zwi­schen Betrachter und abgebildetem Sujet verkürzt. Die Ereignisse scheinen gegenwärtiger zu sein, während Schwarzweiss vor allem als Inszenierungsmittel wahrgenommen wird und Gefahr läuft, zu einem Sinnbild der Vergangenheit zu gerinnen. Das Entsetzen wird dann einer fernen, abgezirkelten Welt zugeordnet und eröff­net die Möglichkeit, sich aus den Ereignissen herauszuhalten.
Darf ein orangefarbener Abendhimmel den Wachtturm an der Rampe umsäumen? Darf der nasse Weg von den Abstellgleisen zum Lager in einem faszinierenden Violett strahlen? Darf so etwas wie Schönheit zwischen den Schornsteinen gezeigt werden?
Damit es hier keiner falsch versteht, es werden weder Tabubrüche noch irgend­welche Verrätselungen vorgenommen, was eine bittere Verharmlosung zur Folge hätte. Natur wird nicht als versöhnlicher Ort inszeniert, sie wird genau in dieser Weise von Magdanz vorgefunden. Der Fotograf zeigt das Sichtbare, während wir das Unsichtbare dahinter materialisieren. Wie bei Kertesz' Ich-Erzähler entsteht beim aufgeklärten Betrachter eine Widersprüch­lichkeit, wenn Faszination in unerträgliches Befremden umschlägt und umgekehrt. Die meditativen Bilder sind atem­beraubend, bis sie schliesslich den Hals zu eng zuschnüren. Die eigentliche Erfah­rung des Buches ist es, dass man sich beim Betrachten der Bilder in extremer Selbstbeobachtung übt. Es tut weh.
 
 
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