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  Neue Züricher Zeitung
7. Januar 2013


Hochsicherheit in Zeiten des Terrors
von Joachim Güntner


In der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim starb die erste Generation der Rote-Armee-Fraktion. Dort wurde ihr auch der Prozess gemacht. Gerichtssaal und Hochsicherheitstrakt sollen abgerissen werden. Um die Anschauung der historischen Stätten zu bewahren, hat sie der Fotograf Andreas Magdanz dokumentiert.


Der Name beschwört eine bleierne Zeit, weckt Erinnerungen an den «Deutschen Herbst» 1977 und eine Republik im Ausnahmezustand: Stammheim, der nördlichste Stadtteil Stuttgarts, ist durch seine Justizvollzugsanstalt (JVA) zur politisch-historischen Chiffre geworden. Dort war die erste Generation der Rote-Armee-Fraktion (RAF) inhaftiert, und dort begann im Mai 1975 in einer eigens errichteten Mehrzweckhalle der Prozess gegen sie. Spricht man von «der Nacht von Stammheim» und «den Toten von Stammheim», dann weiss jeder zeithistorisch einigermassen Beschlagene auch ohne nähere Erläuterung, wovon die Rede ist. In der Nacht zum 18. Oktober 1977 starben die Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen, Irmgard Möller überlebte die Messerstiche in ihrer Brust. Ulrike Meinhof hatte sich bereits ein Jahr zuvor am Gitter ihres Zellenfensters erhängt. Der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, von einem RAF-Kommando entführt, um Baader, Ensslin und acht weitere inhaftierte Terroristen freizupressen, war zu einer nutzlosen Geisel geworden und wurde anderntags ermordet.

Der Sog beseelter Orte

Stammheim steht für ein bis zur Hysterie gesteigertes Bedrohungsgefühl, für die Härte und zugleich Schwäche des damals noch jungen deutschen Rechtsstaats. Das Gefängnis galt als das sicherste Europas. Im siebten Stock des grössten und ältesten Hafthauses waren die RAF-Mitglieder untergebracht, abgeschottet von den übrigen Insassen und dem normalen Betrieb der JVA. Der Gerichtsgutachter und Psychiater Wilfried Rasch rügte deshalb im «Spiegel» eine krank machende Situation «wie unter einem Glassturz»; die Inhaftierten selber und ihre Sympathisanten setzten das böse Wort von der «Isolationsfolter» in Umlauf. (Derweil beschwerte sich die Gefangenenvertretung im Namen von achthundert Häftlingen beim Justizministerium über Privilegien der selbsternannten Revolutionäre, die geräumige Einzelzellen bewohnten, sich auf dem Flur trafen, Platten hörten, Fernsehen guckten, Bücher lasen.) Über die Mehrzweckhalle, die fensterlos errichtet worden war, hatte man aus Angst vor Bomben Stahlnetze gespannt; auf der Galerie des Gerichtssaals bewachten Scharfschützen den Prozess. Anwälte der RAF legten ihr Mandat nieder, als herauskam, dass ihre Gespräche mit den Angeklagten auf ministerielle Anordnung hin abgehört worden waren – im Verstoss gegen geltendes Recht.

Für den Fotografen Andreas Magdanz sind die Ereignisse, die sich mit Stammheim verbinden, «der wichtigste Abschnitt in der politischen Nachkriegsgeschichte Deutschlands». Als er erfuhr, dass Teile des 1964 in Betrieb genommenen Gefängnisses demnächst abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden sollen, darunter der Hochsicherheitstrakt und die Mehrzweckhalle, beschloss Magdanz, die symbolisch aufgeladenen Orte fotografisch zu dokumentieren. Er begab sich für fünf Monate in unmittelbare Nachbarschaft zur Vollzugsanstalt, zog in eine der Kasernen für JVA-Mitarbeiter und arbeitete sich vom Untergeschoss in «Bau 1» langsam hoch bis zum legendären siebten Stock. Die Anstaltsleitung unterstützte sein Vorhaben, evakuierte Zellen und gestattete Magdanz den Zutritt von der Früh bis in die Nacht. Tausende Fotos entstanden dabei, Innen-, Aussen- und Luftaufnahmen, ein Fundus digitaler Bilder, der komplex und detailliert genug wäre, um auf Grundlage dieser Ansichten die Räumlichkeiten und das Gelände baulich zu rekonstruieren.

Eine Auswahl davon, rund dreissig grossformatige Fotos, bis auf eines alle in Schwarz-Weiss, zeigt derzeit das Kunstmuseum Stuttgart. Es ist ein menschenleeres Panorama, das die Ausstellung ausbreitet. Im Vergleich mit den zu politischen Ikonen gewordenen Bildern der RAF-Führung, zumal den Fotos der Toten, sind es nüchterne Aufnahmen. Den Anspruch aber, «Stammheim zu entmystifizieren», musste Magdanz fahrenlassen. Dafür ist der 49-jährige Fotograf vielleicht aber auch schon deswegen der falsche Mann, weil es ihm gar nicht um trockene Anschauung, sondern um die «Beseeltheit leerer Orte» geht. Bevor er sich ans Werk macht, informiert er sich gründlich. Er hat gelesen, was immer es über Stammheim zu lesen gibt, kennt Kunstwerke und Filme, die sich mit der RAF beschäftigen. Weil er irgendwo fand, dass Andreas Baader mit der Matratze auf dem Boden schlief, fotografierte Magdanz die Zelle nicht nur von links nach rechts systematisch durch, sondern legte sich auch auf den Fussboden und machte Bilder aus dieser Perspektive. Oder er vergegenwärtigte den Tod Gudrun Ensslins, die sich ähnlich wie Ulrike Meinhof erhängte, indem er für das Foto das Zellenfenster öffnete – schreckt jetzt aber vor der Verwendung des «zu pathetischen» Bildes zurück.

Die im Kunstmuseum gezeigte, notgedrungen sparsame Auswahl verrät von solcher Akribie wenig. Atmosphäre aber transportiert sie sehr viel. Das beginnt schon beim ersten Bild, einer Hofansicht im Riesen-Breitwand-Format. Gepflasterte Rundwege, Rasenflächen, Bänke ohne Rückenlehne, eine einsame Birke ohne Blätter, zwei fest installierte Tischtennisplatten – hier also sollen Häftlinge Frischluft und Bewegung tanken, umgeben von einer hohen, mit Stacheldraht besetzten Mauer. In der Bildmitte: ein Hydrant. Papierkörbe mahnen zur Ordnung. Ein diffuser milchiger Winterhimmel verstärkt den Eindruck grosser Verlorenheit. Was an den Aussenaufnahmen immer wieder frappiert, sind die Wohnhäuser, die über die Gefängnismauer ragen oder sich seitlich ins Bild schieben. Räumlich ganz nah ist das zivile dem Gefängnisleben – und doch scharf getrennt. Zäune und Mauern mit Grünstreifen dazwischen, von Flutlichtmasten gesäumt, wecken Assoziationen an den Todesstreifen der innerdeutschen Grenze, nur Selbstschussanlagen sieht man keine.

Was bloss macht Tischtennis zu einer besonders «häftlingstauglichen» Sportart? Auch auf der eingezäunten Dachterrasse, die von Baader und Konsorten genutzt wurde, finden sich Tischtennisplatten. Und selbst die für Gerichtsreporter geschaffenen Arbeitsplätze in der Mehrzweckhalle – verglaste türlose Boxen mit Tischplatte, Stuhl und Telefon – künden vom Verlangen der Obrigkeit, alles im Blick zu haben. Äusserste Reduktion waltet im «bgH», dem besonders gesicherten Haftraum. Glatte Stahltüren und Wände, ein Loch im Boden für die Notdurft, keine Fenster: nirgends ein Halt. Hier mag sich austoben, wer einen Koller kriegt – einen Angriffspunkt findet er nicht.

Dass diese Zelle in «beruhigendem Grün» gestrichen ist, geht aus der Schwarz-Weiss-Foto nicht hervor. Farbe hat Andreas Magdanz für seine Aufnahme der Zelle 719 reserviert, in der Ulrike Meinhof wie Andreas Baader starben. Einiges hat die seither vergangene Zeit überdauert, die Steckdosen etwa, eine Ablage. Auf den hässlichen braunen Plasticstühlen aber hat Baader schon nicht mehr gesessen, und die Etagenbetten sind für die vier Jugendsträflinge da, die sich gegenwärtig die Zelle teilen müssen. In der Stuttgarter Schau ist die Zelle so zu sehen, wie sie sich Magdanz zuallererst präsentierte, von der Tür aus. Für ihn ist es ein starker Raum, der noch immer Geschichte bewahrt.

Noch immer viel Ungereimtes

«Ein Denkmal aus Stahl und Beton hatte man ihnen schon zu Lebzeiten errichtet», schrieb Stefan Aust in «Der Baader-Meinhof-Komplex», dem Standardwerk zum deutschen Terrorismus. Soll man den Denkmalschützer spielen und fordern, Bau 1 mit dem siebten Stock und die Mehrzweckhalle hätten stehenzubleiben? In ihnen verdichten sich Mythos und Geschichte des «Deutschen Herbstes» – reicht das nicht für eine Gedenkstätte? Welch grotesker Gedanke. Man verfällt dennoch auf ihn, da sich mit dieser historischen Stätte etwas Unabgegoltenes verbindet. Die NZZ nannte damals den Prozess gegen die RAF-Spitze das «Zerrbild eines rechtmässigen Verfahrens», und die «Todesnacht in Stammheim» weist, wie der Autor Helge Lehmann für sein gleichnamiges Buch akribisch recherchiert hat, zahlreiche ungeklärte Ungereimtheiten auf. Wie konnten drei Schusswaffen in den Hochsicherheitstrakt gelangen? Kann es wirklich sein, dass die Bewacher den Tod der Gefangenen erst am Morgen bemerkten und von den Vorbereitungen nichts wussten? Gottfried Ensslin, der Bruder der Terroristin, hat vor kurzem die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt. Er verlangt eine «ergebnisoffene Untersuchung». Die Forderung nach Freigabe aller RAF-Akten teilt er mit Hinterbliebenen von RAF-Opfern wie Corinna Ponto oder Michael Buback. Und sie haben recht damit. Unser Geschichtsbild hat noch zu viele dunkle Flecken.
 
 
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