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  Märkische Allgemeine Zeitung


Der rettende Sarg
Andreas Magdanz kämpft für den Erhalt des Bonner Regierungsbunkers

Von Jörg Giese

Wäre die alte Bundesrepublik je Schauplatz eines Atomkriegs geworden, hätte der Bundespräsident als Einziger über eine bombensichere Badewanne verfügt. Vorausgesetzt, er hätte es rechtzeitig nach Marienthal geschafft. Denn dort, 25 Kilometer von Bonn entfernt, war der Regierungsbunker, genauer der »Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfalle zur Wahrnehmung von deren Funktionsfähigkeit."

Die 3000 wichtigsten Deutschen sollten dort Schutz vor einem Nuklearschlag finden. Wer zu dieser Elite gehört, ist bis heute geheim. Normalsterbliche wie der Aachener Künstler Andreas Magdanz hätten keinen Einlass gefunden. Inzwischen hat der 39-Jährige mehr Zeit dort verbracht, als ihm lieb ist.
Nachdem 1997 die Geheimhaltungspflicht aufgehoben wurde, erhielt er die Erlaubnis, den Bunker zu fotografieren. »Eigentlich wollte ich nur drei Tage dort arbeiten«, erzählt er bei einem Gespräch in seinem Wochenendhaus. Am Ende sind es sind es sieben Monate geworden.

Magdanz verzichtete bei seiner Arbeit auf zusätzliche Beleuchtung, spektakuläre Perspektiven und optische Tricks. Der Bildband »Dienststelle Marienthal« dokumentiert vor allem die klare Funktionalität des Baus, die in ihrer Kompromisslosigkeit zugleich faszinierend und beängstigend ist. Am Mittwoch berichtet Magdanz in einem Vortrag des Einstein Forums Potsdam über seine Arbeit im Bunker.
Das unterirdische Gangsystem erreicht eine Länge von 19 Kilometern. 25000 Türen verknüpfen über endlose Gänge 897 Büros und 936 Schlafräume. Die spartanische Einrichtung stammte bis zuletzt aus den 70er Jahren. Auch für die höchsten Repräsentanten des Staates standen lediglich Feldbetten bereit. Nur der Präsident hatte ein eigenes Bad und ein Wohnzimmer mit himbeerfarbener Couch.

Entstanden ist Marienthal wischen 1960 und 1972, weil die Bundesregierung nach ihrem Beitritt zur Nato einen Atomschutzbunker nachweisen musste. Man griff auf einen stillgelegten Eisenbahntunnel im Ahrtal zurück, der 1910 geplant worden war, um im Kriegsfall Truppen nach Frankreich zu transportieren. Nach dem 1. Weltkrieg wurde er von den Franzosen unpassierbar gemacht, bis ihn die Nazis wiederentdeckten, um dort VI- und V2-Raketen zu bauen.
Mindestens 1,5 Milliarden Euro sind am Parlament vorbei für den Bau des Bunkers nach Marienthal geflossen. Jeder, der den streng geheimen Ort betrat, wurde als Beamter vereidigt und zum Schweigen verpflichtet. Geholfen hat es wenig. DDR-Spione haben Magdanz erzählt, dass die Stasi bei allen Nato-Übungen in Marienthal dabei gewesen sei.
Alle zwei Jahre spielten dort Militärs und Politiker als »Regierung übungshalber« Kriegsszenarien durch. Die amtierenden Machthaber blieben währenddessen über der Erde. Im Ernstfall hätten die Vorräte in Marienthal drei Wochen gereicht. Danach wäre das unterirdische Überleben für die Elite tödlich gewesen.

Von den damaligen Staatsschauspielern will sich heute keiner mehr an einen Aufenthalt in Marienthal erinnern. »Dabei habe ich von Rupert Scholz sogar Fotos in Marienthal gefunden«, erzählt Magdanz, der unter www.dienststellemarienthal.de auch eine Internetseite mit Bildern und Texten zum Bunker betreibt. Aber obwohl das öffentliche Echo gewaltig war, hat Magdanz keine Unterstützung für einen Erhalt von Marienthal gefunden.
"Bunker sind nicht intendierte, aber schwer zerstörbare Denkmäler von Schuld und von Überleben«, schreibt Silke Wenk in dem von ihr herausgegebenen Sammelband über die »Erinnerungsorte aus Beton«. Wären die über 40 Millionen Euro, die der Rückbau nun kosten wird, in eine Stiftung geflossen, hätte man den Bunker als Museum erhalten können. Aber man wollte nicht. Inzwischen ist der Bunker-Schlussverkauf weitgehend abgeschlossen. Die Operationssäle gingen in den Kosovo, die Betten nach Kuba.
Ende vergangenen Jahres hat der CDU-Abgeordnete Wilhelm-Josef Sebastian aufgrund der »veränderten Sicherheitslage« nach dem 11. September Marienthal als abgeschirmtes Lagezentrum ins Spiel gebracht. Daraufhin soll sogar eine Delegation des Innenministerium dort gewesen sein. Die Oberfinanzdirektion Koblenz, die Marienthal verwaltet, hat die Gerüchte über einen Rückbaustopp dementiert.
"Aber dass eine solche Nutzung wieder vorstellbar ist, zeigt, dass die Denkstrukturen des Kalten Krieges sich nicht wesentlich geändert haben«, argwöhnt Magdanz. Auch wenn für ihn die Arbeit jetzt abgeschlossen ist, wird Magdanz im Badezimmer seines Wochenendhauses immer wieder an den Bunker erinnert. Denn dort steht sie jetzt: Die Badewanne des Präsidenten.

Andreas Magdanz: Dienststelle Marienthal Magdanz, 84 Seiten, 99 Euro.
Silke Wenk (Hrsg.): Erinnerungsorte aus Beton. Ch. Links, 263 Seiten, 25,50 Euro.
Vonrag, 27. Februar, 19 Uhr. Einstein Forum Potsdam, Am Neuen Markt 7. Informationen unter 0331/271780.
 
 
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