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  Kasseler Fotoforum
09. Februar 2013

Andreas Magdanz arbeitete an einem Schauplatz deutscher Geschichte
von Thomas Wiegand

Der auf Langzeitprojekte spezialisierte Fotograf Andreas Magdanz hat seinen Zyklus über Orte deutscher Geschichte mit einem Buch über die Strafanstalt Stuttgart-Stammheim vorerst beendet. Das jedenfalls sagte der Fotograf bei öffentlichen Auftritten.

Nach den jeweils mit Publikationen abgeschlossenen Arbeiten über den Braunkohlentagebau Garzweiler, den Regierungsbunker Marienthal, das KZ Auschwitz, über den BND und über die Nazi-Ausbildungsstätte Vogelsang reizen ihn jetzt andere Themen in anderen Ländern.

Magdanz quartierte sich für einige Monate direkt neben dem Gefängnis ein und arbeitete dort ganz allein an seiner präzisen fotografischen Analyse der durch die hier einsitzenden und verstorbenen Mitglieder der RAF zu berühmt gewordenen Anstalt. Insbesondere die eigentlich zum Turnen gedachte und für die RAF-Prozesse umgenutzte „Mehrzweckhalle“, das für den Hofgang ausgebaute Dachgeschoss sowie die (nachts fotografierten) Zellen der RAF-Mitglieder sind historisch kontaminiert und machten aus einem x-beliebigen Gefängnis das wichtigste Gefängnis der BRD.

Magdanz liess sich viel Zeit, um die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen und unter diesem Eindruck seine schwarzweissen Bilder aufzunehmen. Das nach den Bauten gegliederte, mit Lageplänen ausgestattete Stammheim-Buch ist beinahe zu düster gedruckt und in extradicke Graupappe gebunden, wobei der fragil wirkende Leinenrücken an Mullbinden erinnert, womit sich schon äusserlich etwas von der Ambivalenz des Inhalts andeutet.

Magdanz legt keine pedantische Dokumentation aller Ecken und Winkel vor, auch war die Arbeit vor Ort nicht den Haftbedingungen gewidmet oder der Information über die Infrastruktur eines Gefängnisses mit Obstkisten in der Speisekammer und einer „Kippbratpfanne“ in der Küche. Nein, Magdanz’ Annäherung an die pflegeleichte, überwachbare, aus- und einbruchssichere, also pragmatisch angelegte Verwahrmaschinerie aus Beton und Stahl erzählt nichts über den Stand der Vollzugsanstaltsarchitektur, sondern darüber, wie aus einem banalen Zweckbau ein Symbol für eine Auseinandersetzung zwischen Staat und Terroristen werden konnte. Man sieht das nicht, aber man spürt es.

Magdanz hat ein Denkmal gesetzt, das auch dann noch Bestand haben wird, wenn das originale RAFGefängnis längst zugunsten eines Neubaus verschwunden sein wird.
 
 
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