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  Junge Welt
August 2001


Kanzlersitz im Schiefergestein
"Dienststelle Marienthal": Gigantische Bunkeranlage für den Atomkrieg wird »rückgebaut"

Von Michael Klarmann

Keine gezielt abgefeuerte Atomrakete, sondern die Kräfte der Natur werden die »Dienststelle Marienthal« zerstören. Denn der südlich der Ex-Hauptstadt Bonn, zwischen Ahr-weiler und Dernau mitten im Schiefergestein gelegene Regierungsbunker wird »rückgebaut"; Für manchen ist das die Entsorgung des »Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes«, eine unliebsame Altlast des einst geteilten Deutschland.

Der Bunker - Grundlage war ein Stollen, in dem schon Adolf Hitler Zwangsarbeiter V2-Raketen montieren liess - wurde seit den 60er Jahren gebaut. Das 1972 fertiggestellte Stollensystem hatte eine Gesamtlänge von 19 Kilometern und eine Fläche von 83000 Quadratmetern, es gab' 936 Schlafzellen, 897 Büros, je fünf Kantinen, Kommandozentralen und Sanitätstrakte, zwei Hallen für Fahrräder und einen Raum für ökumenische Gottesdienste. Die Inneneinrichtung war karg, selbst der Bundeskanzler hätte auf einer Pritsche schlafen müssen, falls in einem Atomkrieg von Marienthal aus regiert worden wäre. Den »Ernstfall« probten ,Beamte und Statisten - sie ersetzten Politiker - alle zwei Jahre unter Beteiligung der NATO. Schon nach wenigen Tagen kam es dabei in der hermetisch abgeriegelten Festung im Berg zu Nervenzusammenbrüchen. Eigentlich sollten 3000 Menschen von dort 30 Tage »regieren« können. Allerdings, so Bernhard Moltmann 1999 in Standpunkte, war schon 1972-die-Reälität über die Planungen dieses. Bauwerkes hinweggegangen«. Schon zu diesem Zeitpunkt »sah man vor, im Kriegsfalle die Bundesregierung nach Florida auszufliegen«.

1972 berichtete sogar die Illustrierte Quick über Marienthal.

Die Illustrierte wurde wegen Geheimnisverrats belangt, die inkriminierte Ausgabe eilig an den Kiosken beschlagnahmt. Selbst für das verbeamtete, zum Schweigen verpflichtete Wartungspersonal blieben im Bunker einzelne Sektoren weiter top secret. Erst lange nach der Vereinigung lüftete der Bund das Staatsgeheimnis. Seit 1997 wurden wegen der horrenden Unterhaltskosten Käufer für die Anlage gesuchte Vergeblich. Seit Jahresmitte werten die Stollen wieder an die Natur »aufgegeben«. Da das eintretende Gebirgswasser die Giftstoffe aus Wandfarben, Schleusen und Verkabelungen waschen und ins Grundwasser spülen konnte, ist ein »Rückbau« nötig. Der kostet mindestens 60 Millionen Mark. Manche Politiker hätten den Klotz lieber klammheimlich absaufen lassen.

Dass es anders kam, ist dem Aachener Fotografen Andreas Magdanz zu verdanken. Er fotografierte, immerhin mit Erlaubnis der Behörden. Über Monate in der hoch einsatzbereiten Anlage. Resultat: ein beeindruckender Bildband, eine Ausstellung, die Homepage (www.dienststellemarienthal.de) und die Erkenntnis, dass »Visionen verplant worden« seien, »die apokalyptischer nicht sein konnten«. Im »Militärischen Lagezentrum« der Anlage stiess der Fotograf auf Kartensäle, in denen auf Magnettafeln weltweite Kriegsszenarien durchgespielt wurden - Truppenbewegungen, Verluste oder angreifende Bomberverbände. Klischeehafte Filme aus Zeiten des Kalten Kriegs sieht Magdanz nun mit anderen Augen, für ihn »übertrifft die Wirklichkeit die Klischees«. Vergeblich hat er versucht, die Regierenden davon zu überzeugen, Marienthal als Mahnmal zu erhalten.

"Hinsichtlich der durchgespielten Szenarien, hinsichtlich der Demokratiefeindlichkeit«, glaubt Magdanz, »liegen in Marienthal noch viele Dinge begraben, die Politiker dazu bringen, zu leugnen, dort gewesen zu sein«. So hätten der einstige Verteidigungsminister Rupert Scholz und Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt ihm gegenüber trotz vorliegender Zeugenaussagen nicht zugeben wollen, je vor Ort gewesen zu sein. Mehrere Beamte, so der Fotograf, hätten ihm auch erzählt, »dass der erste Sicherheitenchef Marienmals ein Oberst Priebke gewesen sein soll.« Er sollte »die Leute, die am Bau beteiligt waren, auf ihren politischen Hintergrund abklopfen.« Der frühere SS-Hauptsturmführer Erich Priebke wurde wegen des Massakers in den Ardeatinischen Höhlen 1998 in Rom verurteilt. Er hatte 1944 nach einem Attentat italienischer Partisanen auf die Besatzer 335 Zivilisten als Geiseln nehmen lassen und deren Hinrichtung befohlen.

Andreas Magdanz: Dienststelle Marienmal. Eine Gebäudemonographie. Das grossformatige Buch hat 160 Seiten, 100 Abbildungen (davon 20 farbig) und kostet 198,00 DM (KBN-Nr. 3-00-005923-7)
 
 
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