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  Jungle World
Berlin, 18. April 2001


Falls mal was passiert
In der »Dienststelle Marienthal« sollte das Leben nach dem Atomkrieg für 3000 Politiker und Beamte 30 Tage weitergehen. Heute ist der Bunker ein Museum deutscher Mentalität und Lebensart aus der Zeit des Kalten Krieges. Bevor es verschwindet, fotografierte Andreas Magdanz das Gebäude.

Von Ralf Schröder

Als im Oktober 1973 ägyptische und syrische Truppen einen Überraschungsangriff gegen Israel starteten, spitzte sich die weltpolitische Lage zu. Unser Klassenlehrer berichtete zu Beginn einer Deutschstunde, die USA und die Sowjetunion hätten für ihre strategischen Atomraketen höchste Alarmbereitschaft befohlen. Der dritte Weltkrieg lag aber ausserhalb unserer Interessengebiete, und deshalb machten wir uns über die Nervösität unseres Lehrers weiter keine Gedanken.

Für den Fall, dass sich die Lage weiter verschärft hätte, gab es einen Plan. Ungefähr 3.000 wichtige Leute, die Regierung, der Bundespräsident, die Mitglieder des Bundestages, das notwendige Verwaltungspersonal sowie militärische Funktionsträger wären in die Dienststelle Marienthal eingefahren. Bei dieser Dienststelle handelt es sich um eine riesige Bunkeranlage, gelegen im romantischen Ahrtal, zwanzig Kilometer vom damaligen Regierungssitz Bonn entfernt. Sie war so eingerichtet, dass ihre Insassen die ersten 30 Tage nach einem Atomangriff dort unbeschadet verbringen und sogar ihren Amts- und sonstigen Geschäften nachgehen würden. 1973 wäre kein schlechter Zeitpunkt gewesen, die Anlage einzuweihen, denn erst im Jahr zuvor war sie nach zwölf Jahren Bauzeit fertig geworden. Die in der Nähe vorbeiführende Autobahn 61 hatte man im Abschnitt Meckenheim so konstruiert, dass sie mit wenigen Handgriffen in eine Start- und Landebahn für Düsenflugzeuge umgewandelt werden konnte. Da der »Ernstfall«, so wurde der Atomkrieg im Alltag codiert, damals nicht eintrat, blieb der Bunker 25 Jahre lang unentwegt in Bereitschaft. Das alles war so geheim, dass sogar Handwerker, die für Instandhaltungsarbeiten hinein mussten, kurzerhand verbeamtet wurden und einen Eid zu schwören hatten. 1972, als die Zeitschrift Quick einen Artikel über das Bunkerprojekt druckte, wurden bundesweit Polizisten zu den Kiosken geschickt, um die gesamte Auflage zu beschlagnahmen. Die Leute im Ahrtal wussten trotzdem Bescheid, ebenso wie Honecker. Auch haben Gruppen aus der Friedensbewegung zu Beginn der achtziger Jahre in der Nähe des Bunkereingangs einige Protestaktionen gemacht, gegen den Wahn, man könne das Überleben im Atomkrieg planen.

Nachdem die Bundesregierung 1997 beschlossen hatte, die militärische Nutzung des Bauwerks zu beenden, sann man - letzlich vergebens - über eine kommerzielle Verwendung nach. Zur Debatte standen z.B. eine Techno-Disko, ein Münzdepot, ein unterirdisches Erlebnishotel und eine Pilzzucht. Dann wurde der Aachener Fotograf Andreas Magdanz, Jahrgang 1963, durch eine Notiz im Handelsblatt auf die Liegenschaft aufmerksam. Sein Faible für die Verzahnung von Grosstechnologie, Architektur, Verwaltung und kleinbürgerlichen Lebensformen hatte er bereits einige Jahre zuvor unter Beweis gestellt, als er sich, ausgestattet mit Mitteln des Benningsen-Förderpreises, für längere Zeit in das Gebiet des Braunkohletagebaus Garzweiler begab und eine beachtliche Dokumentation des dort herrschenden Sozialzustandes anfertigte. Ohne grössere Umstände erhielt Magdanz nun von den zuständigen Behörden eine Fotoerlaubnis für die Dienststelle Marienthal. Die ursprüngliche Befristung auf drei Tage wurde bald aufgehoben, und zwischen Oktober 1998 und Juni 1999 war Magdanz vier mal wöchentlich im Bunker und belichtete ca. 1000 Grossbild- sowie 500 Mittelformatnegative, die meisten schwarzweiss. Arrangiert oder zusätzlich ausgeleuchtet hat er nichts. »Mich interessiert«, so Magdanz, »nur der Ist-Zustand. Oder so etwas wie die Beseeltheit leerer Räume."

Räume bietet das Bunkersystem in allerlei Variationen. Das Stollensystem hat eine Gesamtlänge von 19.000 Metern, es gibt 25.000 Türen. Die in fünf autarke Sektionen unterteilte unterirdische Fläche umfasst 83.000 Quadratmeter mit 936 Schlafzellen, 897 Büros, fünf Grosskantinen, fünf Kommandozentralen, fünf Sanitätskomplexen, zwei Fahrradabstellehallen, einer Druckerei, einem Friseursalon und einem Zimmer für ökumenische Gottesdienste. Hinzu kommen Werkstätten, Fahrstühle, Treppenhäuser, Fernmeldezentralen, Versorgungsschächte sowie Lager für Nahrungsmittel und für technische Ersatzteile, von denen 20.000 Stück bereit gehalten wurden. Der »Ausweichsitz für die Verfasunsgorgane des Bundes«, so hiess das Bunkersystem im amtlichen Sprachgebrauch, verfügt auch über einen »Plenarsaal«. Einzelkammern waren nur für den Kanzler und den Bundespräsidenten vorgesehen, alle anderen hatten auf doppelstöckigen Pritschen zu nächtigen. »Marienthal«, so Fotograf Magdanz, » erschliesst sich nicht. Noch kürzlich habe ich eine riesige Postzentrale entdeckt, auf die ich zuvor nie gestossen war."

Eine ansehnliche Auswahl seiner Fotos hat Magdanz in einem Bildband versammelt, den er im Eigenverlag herausgibt. Zudem hat er einen einstündigen Videofilm produziert, eine Kamerafahrt durch die endlosen Gänge, unterlegt mit Originalgeräuschen, industrial noise, der durch hydraulische Türen, akkustische Warnsignale und andere technische Apparaturen erzeugt wird. »Marienthal«, sagt Magdanz, »ist eingefrorene Kulturgeschichte, Technikgeschichte und Militärgeschichte. Ein gigantisches Museum.« In der Tat dokumentiert das gesamte Ensemble die soziale und mentale Verfasstheit Westdeutschlands während der sechziger und siebziger Jahre. Die in rot und orange gehaltene Sitzecke repräsentiert das progressive Wohnzimmer, die technischen Apparaturen stehen für die fordistisch geprägte Ingenieurskunst der letzten Wirtschaftwunderjahre, der weissblaue Friseursalon zeigt den Siegeszug des Kunststoffes an und die Kargheit der Büroräume erinnert an die schiere Zweckförmigkeit moderner Staatsverwaltung.

In dem Saal, der die »Nukleare Lagezelle« beherbergt, sind die Wände mit grossformatigen Landkarten bestückt. Die Landstriche, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg abtreten musste, heissen dort »unter fremder Verwaltung«. In einem Stahlschrank lagern zahllose orangefarbene Magnetsticker, mit denen die militärische Lage visualisert werden sollte. Sie tragen Aufschriften wie »Strat. Reserve«, »Abriegelungsoperation«, »Verstärkungslandung« oder »Terroristen / Extremisten«.

Nach dem Beginn seiner Arbeit war Magdanz bald davon überzeugt, dass man dieses Biotop oder zumindest Teile davon konservieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen müsse. Er schrieb an Kulturminister Michael Naumann, erhielt aber den Bescheid, eine Förderung des Projektes sei »nicht von bundespolitischer Bedeutung«. Auch bei anderen Politikern fand Magdanz kein Gehör, machte dafür aber die Erfahrung, dass allgemein ungern über Marienthal gesprochen wird. In manchen Fällen leugneten prominente Teilnehmer an den jährlich abgehaltenen Übungen sogar ab, den Bunker je betreten zu haben.

Mehr Aufmerksamkeit fand Magdanz bei den Medienleuten. Zeitungen und Fernsehsender berichteten ausgiebig, eine TV-Beitrag des britischen Militärsenders BFBS stellte fest, »deep inside the Marienthal hills« sehe es aus »like a James Bond filmset«. Das Rheinische Landesmuseum Bonn zeigte eine Ausstellung zum Thema, die vielleicht demnächst auch in anderen Städten zu sehen sein wird. Auch die Homepage zum Projekt wird häufig angeklickt. Diese Resonanz lässt Magdanz hoffen, »dass Kunst vielleicht doch etwas bewegen kann«. In der Sache Marienthal sei noch einiges zu erforschen. Etwa der wirkliche Stellenwert demokratischer Prozeduren. Schliesslich ist das drei bis fünf Millarden Mark teure Bauwerk ohne jede parlamentarische Behandlung auf den Weg gebracht worden, und interessant sei doch auch die Frage, wer eigentlich die Befugnis hatte zu entscheiden, wer im Ernstfall in den Bunker darf. Interessant ist auch, dass - nach Angaben der Tageszeitung Die Welt - der ehemalige SS-Offizier Erich Priebke, der später wegen der Erschiessung italienischer Zivilisten verurteilt wurde, der erste Sicherheitschef in Marienthal war.

Die zweifellos reizvolle Befragung der Bunkergeschichte wird allerdings künftig ohne Anschauung des Objektes auskommen müssen. Die Räumung der Anlage, 60 Millionen Mark teuer, ist beinahe abgeschlossen, das Interieur bis auf wenige Stücke verschrottet. Demnächst wird die unterirdische Geisterstadt zugeschüttet und geflutet. »Mit welchem Recht«, fragte die Taz. »empören wir uns sonst über die verbrecherischen Zerstörungen von Kulturgut durch die Taliban, wenn wir uns der Denkmäler der eigenen Geschichte berauben?« Diese Frage stellt sich auch Andreas Magdanz.

Befremdlich ist an der ganzen Geschichte noch ein anderer Aspekt. In der Berichterstattung über Magdanz´ Projekt wird der »Kalte Krieg« fast durchweg als eine Epoche kollektiven Denkversagens dargestellt. Ironische Distanz dominiert. Die Schlagzeile in der Welt lautete »Im Gasthaus zum letzten Stündchen«, in der Süddeutschen Zeitung hiess es: »Der Bunker ist eine architektonische, politische und militärische Planungs- und Denkgroteske.« Der aufgeklärte Ton legt den Gedanken nahe, der militärische Wahn mit all seinen Absurditäten und seinen verbrecherischen Potenzialen sei aus dem Leben verbannt. In Wirklichkeit hat er sich nur den politischen Erfordernissen angepasst. Falls einst die Kommandozentralen und die Planspiele der gerade entstehenden europäischen Interventionsarmee zugänglich werden, wird wahrscheinlich wieder viel gestaunt. Zum Beispiel über den Schwindel, der im Begriff der humanitären Intervention verborgen war.

Informationen, Buch und Video bei: www.dienststellemarienthal.de
 
 
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