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  Freitag 8, 14.02.03

Nachrüstung für die Unsterblichkeit

von Ralf Hanselle

Im Bergwerk der Seele
Mit sachlichen Fotografien nähert sich Andreas Magdanz dem einstigen BRD-Regierungsbunker in der Eifel
Andreas Magdanz hat den trägen Blick. Für einen Fotografen, der in der Nähe von Düsseldorf aufgewachsen ist, nicht unbedingt ungewöhnlich. In der Tradition neu-sachlicher Fotokünstler wie Charles Sheeler oder der jüngeren Düsseldorfer Becher-Schule hat auch Magdanz eine Vorliebe für straighte Formen, gerade Fluchten und post-industrielle Figurationen. Deutsche Fotografen, die in den vergangenen Jahren einen Platz in der internationalen Szene finden wollten, mussten eben mindestens mit einer kühlen und gerasterten Optik ausgestattet sein.
Ganz in der Tradition Bernd und Hilla Bechers typologisierten neue Sachfotografen wie Thomas Ruff, Axel Hütte oder Walter Niedermayr in den zurückliegenden 20 Jahren Wohnblöcke, Doppelhaushälften und ganze Alpenpanoramen. Nicht überall, wo Schüler sind, muss aber auch eine Schule sein. Vieles, was die Düsseldorfer Akademiker so an Formen und Punkten der Wirklichkeit zusammengetragen und enzyklopädisiert haben, sieht zwar beim ersten Gucken noch hübsch arty aus, kommt aber über die Fassade selten hinaus. Was man hier sieht, ist was man kriegt. Mehr schon darf man nicht erwarten.
Dass mit Andreas Magdanz nun noch ein weiterer Sammler der harten Form in Erscheinung tritt, wäre zunächst nicht erwähnenswert. Schliesslich zeigen auch seine Fotografien nur Bauformen mit rechten Winkeln, menschenleere Wohnanlagen und den flatterhaften Dresscode der alten Bundesrepublik. Da gibt es rot-weisse Pfeffer- und Salzstreuer der Firma Emsa-Plastik, rote Polstermöbel im Möbelmessen-Chic der frühen Siebziger und groteske Elektrogeräte, die auch ein Plattencover der Gruppe Kraftwerk schmücken könnten. Ein bisschen Retro und ein bisschen Industriedesign - mehr zeigen die Bilder des 1963 geborenen Fotografen zunächst nicht.
Mulmig wird es einem erst, wenn man erfährt, dass die meisten seiner Fotografien gut 112 Meter unter dem Schiefergestein der Nordeifel entstanden sind. Denn die dicken Stahltüren und weitläufigen Grosskantinen archivieren nicht - wie man es etwa vom Ehepaar Bechers gewöhnt wäre - stillgelegte Kohlezechen des Ruhrgebietes, sondern zeigen die einst teuerste Wehranlage der alten Bundesrepublik: Die »Dienststelle Marienthal«. Von der Ingebrauchnahme im Jahre 1972 bis zu ihrer endgültigen Abwicklung war sie der Ausweichsitz der Verfassungsorgane im Kriegs- und Verteidigungsfall. Eine Bunkeranlage mit 897 Büros, 936 Schlafzellen, fünf Sanitätsbauwerken, einer Druckerei und sogar einem Friseursalon.
Die in einem grossformatigen Fotobuch zusammengestellten Aufnahmen zeigen Architektur für den worst case. Nackte und menschenleere Schwarz-Weiss-Bilder beleben die Vorstellung von dem, was geht, wenn nichts mehr geht. Über Monate hat Andreas Magdanz in dem unterirdischen Labyrinth südlich der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn fotografiert: Lüftungsrohre, Büroeinrichtungen und Konferenzzimmer. Die 367.000 Quadratmeter des 1997 aufgegebenen Regierungsbunkers erstehen auf diesen Fotografien als nüchterne museale Gedächtnisräume wieder auf.
Die 160 Seiten des Buches rastern die abgespaltenen Ängste der alten Bundesrepublik. Wie eine Bohrprobe in den Tiefenschichten ost-westlicher Befindlichkeiten. Der nuclear strike, Thema unzähliger emotions- und moralgeladener Filme und Essays, wird hier von seiner semiotischen Seite besichtigt. Kein fall out, keine Panik, keine Gefühle. Statt dessen ein immenser Industriestollen, in dem sich eine überdimensionale unterirdische Kaserne befindet. Das globale Grausen wird bis auf die prosaischsten Grundformen zusammengestrichen. Die Ordnung des Baus strahlt dabei das Leben im atomaren Ausnahmezustand zurück. In der Kaserne lässt sich der Mensch auf seine elementaren Grundbedürfnisse reduzieren Marienthal ist der scheinbare Sieg des Funktionalismus über das Schaudern.
Die Fotografien von Andreas Magdanz codifizieren somit letztlich uralte menschliche Allmachtsphantasien. Es ist der Traum von der Unsterblichkeit, der hier im Stahlbetongewand Wiederauferstehung feiert. Tief unter
dem Gestein der Eifel lebt ein alter Mythos von der Zeitlosigkeit im Inneren der Berge fort. Unzählige Geschichten, vom Mittelalter bis in die Neuzeit, haben sich diesen zum Thema gewählt. Der Regierungsbunker ist nur seine ausgereifteste Spielart - die spelunca aevi fürs Atomzeitalter.
Denn mehr noch als das faktische - dieses hätte die Anlage ohnehin nur einen Monat gewährleisten können - zählt in diesem Bunker das symbolische Überleben. In dieser Hinsicht kann die »Dienststelle Marienthal« nahtlos an vorgefertigte Schnittmuster andocken. Besonders die einstmals populäre Barbarossasage, nach der der »Friedenskaiser« Friedrich im thüringischen Kyffhäuser auf seine letzte Wiederkehr wartet, liefert hier der Vorstellung genügend Nahrung. Entstanden in Zeiten von Kriegen und Pestilenz sollte sie schon damals der gebeutelten Seele das »Prinzip Hoffnung« näher bringen. Eines Tages, so die Erzählung, würde der rettende Herrscher aus seiner Berghöhle hervorklettern und dem im Chaos versunkenen Land wieder auf die Beine helfen.
Auch die Romantik leidet an derartigen Fantasien keinen Mangel. Primitive Unsterblichkeitsmythen, in denen Helden und weise Männer vollkommen zeitentrückt im inneren von Bergen überleben, werden von Novalis bis E.T.A. Hoffmann aufgenommen und in allen erdenklichen Modulationen durchgespielt. Vom Bergwerk von Falun bis zum Venusberg im Tannhäuser erstrecken sich die Grotten ewigen Lebens. Stollen und Gruben wurden im 19. Jahrhundert zu Orten, in denen sich neben Fossilien auch Weisheit und Wissen ablagerten und konservierten. Die neue deutsche Innerlichkeit fand ihr Domizil im Innern der Erde. Hier hinein verlagerte die politikverdrossene Generation der Romantiker ihre Regressionsfantasien und erwählten manch Bergstollen zur magna mater.
So durchrationalisiert sich die Räume auch auf Andreas Magdanz Fotografien ausnehmen - etwas von dieser Mythengläubigkeit ist auch im Regierungsbunker unter dem Trotzenberg erhalten geblieben. Zwar fehlt die Magie funkelnder Kristalle oder geheimnisvoller Mineralien - dafür hat man den Zauber in Technik und Industriedesign ausgelagert. Wer die säuberlich geordneten Schaltpulte und gigantischen Turbinenräume betrachtet, der bekommt eine Ahnung von Dialektik der Aufklärung. Selbst wenn oben das Licht der Vernunft im Feuer der nuklearen super nova für immer verglimmen sollte, glaubt man es im Stollen des Berges noch einmal anknipsen zu können. Schneidige Flure und gerade Linien symbolisieren somit nicht mehr als den Rückzugsraum menschlicher Logik.
Es scheint, als würde die Bunkeranlage erst durch Magdanz Fotografien zu dem werden, was sie eigentlich war. Erst durch die totale Abwesenheit menschlichen Lebens, durch die fast sakrale Stille, die einem auf den Bildern entgegenkommt, verwandelt sich die Kaserne in heilige Hallen von gewaltigen Ausmassen. Nüchterne Hinweisschilder und abgestellte Gebrauchsgegenstände werden in den Stand von Sakraldarstellungen und Heiligenfresken erhoben. Das Unvorstellbare wird so darstellbar gemacht. Es sind Erlösungsmotive für die Antiquiertheit des Menschen.
Der Philosoph Günther Anders hat dies bereits in den fünfziger Jahren auf den Punkt gebracht: »Unser Vorstellungs- läuft unserem Herstellungsvermögen nach«. Ein Dilemma, auf das man in Marienthal eine eigenwillige Antwort suchte. Denn wer sich den Nuklearkrieg nicht ausmalen konnte, der musste ihn wenigstens mit aufgebesserten Mythen ertragbar machen. Vielleicht waren die drei Milliarden D-Mark, die das Bauwerk einst gekostet hat, somit weniger eine Investition ins Leben als eine in die Anschauung.
Der Mensch ist laut Günther Anders eben »von Gestern«. Wo ihm seine eigenen Artefakte über den Kopf zu wachsen drohen, sucht er Zuflucht im Vorstellungskosmos der Vorzeit. Dabei sind die Bildwelten, die einem Andreas Magdanz für den modernen regressus ad uterum zur Verfügung stellt auch nach Ende des Kalten Krieges von ungemeiner Aktualität. Wenn etwa in der neuen »National Security Strategy« der USA auch über den präventiven Einsatz von Atomwaffen nachgegrübelt wird, während gleichzeitig der Anti-Terror-Diskurs auf dem Sprachduktus eines Bibelkanals angekommen ist, scheint irgend etwas erneut im Argen zu liegen. In der Höhle der Seele scheint die Vernunft zuweilen eingezwängt zu sein.
 
 
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