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29. März 2001


Aussen Asbest, innen Gummi
Der Bundesbunker bei Ahrweiler, ein Mahnmal des Kalten Krieges, wird zugeschüttet

Von Christoph Bauer

MARIENTHAL, im März. Der Dritte Weltkrieg fand statt. Achtmal. Flugzeuge, Panzer, Atombomben - das komplette Programm. Wir haben nichts davon mitgekriegt und gekostet hat es Geld und nicht das Leben. Einer der Hauptschauplätze der simulierten Apokalypse war ein Bunker bei Ahrweiler, den es offiziell nicht gab und bald auch in Realität nicht mehr geben soll. Die »Dienststelle Marienthal« war der Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes. 3 000 Menschen konnten hier für 30 Tage eine sichere Zuflucht suchen, während draussen der nicht verfassungsgebende Teil der Bevölkerung gesprengt, verseucht und verdampft worden wäre. Von 1972 bis 1989 fanden hier alle zwei Jahre Übungen für den »Ernstfall« statt. Die Dienststelle trug dann den Decknamen »Rosengarten«.

Dieser Garten ist ein monströses Bauwerk, das sich deshalb unter den Teppich kehren lässt, weil es da schon ist. Bis zu 120 Meter unter Schiefergebirge mit Rebstöcken oben drauf, 20 Minuten südlich von Bonn, diente das Tunnelwerk fast ein Jahrhundert lang einem Zweck: dem Krieg. 1910 liess Kaiser Wilhelm gen Westen graben. Dort stand jenseits des Rheins der Dienst habende Erzfeind. Ein Eisenbahntunnel sollte es werden, um Mensch und Material gegen Frankreich zu werfen. Der Krieg kam, die Bahnstrecke war nicht fertig und nach der Niederlage sprengten die Sieger den Tunnel. Aber nicht richtig. Es blieb genug übrig, um die Nazis auf Ideen zu bringen. Die V1 und V2 wurden bombensicher im alten Tunnel montiert. Das Ende ist bekannt: Erst flogen die Vernichtungswaffen gegen England, dann dem Dritten Reich der »Endsieg« um die Ohren. Nach der Kapitulation sprengten die Alliierten wieder. 13 Jahre lag der Tunnel in Schutt und Asche, dann war es wieder so weit: Als Nato-Mitglied galt es für die Bundesrepublik, sich auf einen Krieg vorzubereiten.

Jedes Wort Hochverrat

Ab 1951 wurde geplant, von 1960 bis 1972 gegraben und gebaut bei Marienthal im Kreis Ahrweiler. Heimlich und für unheimlich viel Geld. 500 Millionen Mark kostete die Anlage, nach heutigem Wert drei Milliarden. Hier wollten sich die Kanzler in Sicherheit bringen, mit ihnen der Bundespräsident, das Bundesverfassungsgericht, ein Not-Bundesrat und ein Not-Bundestag. Auch die Geheimdienste und das Bundespresseamt. So viel Platz musste sein hinter den monströsen Stahltüren, die mit Asbest (aussen) und Gummi (innen) abgedichtet, die Verfassungsgeber vor atomarer Unbill schützen sollten. Die restlichen Plätze waren für 190 Mann Betriebspersonal und Soldaten reserviert. Wer die Plätze vergab, entschied über Leben und Tod.

Herbert Hennig ist der letzte noch lebende Bauleiter. Elf Jahre seines Lebens erstellte er ein Bauwerk, das er im Kriegsfall nicht hätte betreten dürfen. Heute kann der 80-jährige Ingenieur über seine grösste Arbeit sprechen. Noch vor einigen Jahren war jedes Wort Hochverrat. Daran erinnert in der Eingangshalle eine Tafel, die zu »Vorsicht - auch ausserhalb der Grenzen« mahnt.

Herbert Hennig hat nichts verraten. Wie alle Beteiligten wurde er auf Verfassungstreue überprüft. Mitbauen durften nur Deutsche oder Österreicher. Zwei Spione entdeckte das BKA. Einer arbeitete für die CSSR, erinnert sich Hennig: »Der hatte sich als Vermessungsingenieur beworben. Der hätte hier alles ausmessen können, ziemlich schlau.« Ein weiterer Spion arbeitete im Verteidigungsausschuss.

Ob »der Osten« wirklich nichts wusste ist offen, doch ganz heimlich liessen sich wohl keine 19 Kilometer Tunnel mit 83 000 Quadratmeter Fläche bauen. 936 Schlafzellen, 897 Büros, fünf Grosskantinen, fünf Kommandozentralen, zwei Fahrradabstellhallen, eine Druckerei, einen Friseursalon sowie einen Gottesdienstraum umfasste das Bauwerk. Kaum hatten die Arbeiter losgegraben, schon kam die Illustrierte »Quick« der Sache auf die Spur. »Hier baut Bonn seinen Befehlsbunker« hiess es in wohlfeiler Alliteration in der Ausgabe 4/62. Daneben ein Foto. Nur: Diese Ausgabe erschien nie, sie wurde von der Zensur eingestampft. Hennig ergatterte ein Restexemplar. Er bewahrt es zusammen mit einem Tunnel-Buch des Fotografen Andreas Magdanz auf, das viel später entstand.

Am 9. Dezember 1997, acht Jahre nach der Wende und pünktlich zum Regierungsumzug lüftete Kohls Kabinett das Geheimnis der Bunkeranlage. Die Marienthaler staunten nicht schlecht über das Untergeschoss im Weinberg. Von der Belegschaft hatten sie nichts erfahren. Die durften nicht einmal ihren Ehepartnern erzählen, was sie tief im Schiefer trieben. Vielen war das lieb - sie hätten sagen müssen: »Wenn s knallt, müsst ihr draussen bleiben."

Pilzzucht statt Politiker

"Ich glaube nicht, dass die Leute sich vor Augen geführt haben, was das bedeutete«, sagt Andreas Magdanz. Der Aachener Fotograf wurde 1998 auf den Bunker aufmerksam. Damals wurde über eine Nachnutzung debattiert. Pilzzucht, Technodisko oder Bunker für den Euro. Keine der Ideen hielt einer Prüfung Stand. So lautete der Befehl des Bundes auf Rückbau, zu teuer wurde das Kriegsversteck. Jetzt wird also zugeschüttet. Die spartanische Inneneinrichtung ist zu 99 Prozent schon an andere Dienststellen abgegeben oder auf dem Müll. Nur hier und da liegen Details des Kriegsspiels herum. Anhängezettel für Verletzte zum Beispiel. Zwei rote Streifen hiess »Abtransport sofort«, einer »Abtransport nicht vordringlich«, keiner »gehfähig«.

Andreas Magdanz hat versucht, zumindest einen Teil des Materials zu retten und zu dokumentieren. Erst drei Tage, dann drei Wochen, schliesslich sieben Monate durfte er im Bunker fotografieren. »Zunächst begegneten mir die Mitarbeiter mit Misstrauen. Geheimhaltung war Teil ihres Lebens geworden«, berichtet Magdanz. Alsbald lernten sie seine Arbeit jedoch zu schätzen. Herausgekommen ist ein Buch mit faszinierenden Aufnahmen aus der surrealen Welt der atomaren Apokalypse. Noch bis zum 22. April läuft zudem eine Ausstellung in der »Alten Rotation« in Bonn. Gerne würde Magdanz sehen, dass zumindest ein Teilbereich des Bunkers erhalten bleibt. Doch dafür ist kein Geld in Sicht. Nur noch 14 Mitarbeiter hat der Bundesbunker, sie wickeln die Anlage ab.

Ob irgendwo ein neuer Bundesbunker gebaut wird, muss Spekulation bleiben. Kein Wunder bei einem Geheimprojekt. Sicher ist jedoch, dass die Nato die Bundesrepublik verpflichtet, ihre wichtigen Organe im Krisenfall adäquat zu beherbergen.

Bunkerbuch und Aschenbecher // Die Ausstellung über die »Dienststelle Marienthal« ist noch bis zum 22. April 2001 zu sehen. Ort ist die Ausstellungshalle »Alte Rotation« des Rheinischen Landesmuseums in der Justus-von-Liebig-Strasse 15 in Bonn. Öffnungszeiten: täglich ausser montags von 11 bis 17 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog der Reihe »Szene Rheinland« für 29,80 DM.
 
 
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