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  BERLINER ILLUSTRIERTE
Panorama - Sonntag, 25.März 2001


DIENSTSTELLE MARIENTHAL
Der weltgrösste Atombunker liegt im Rheinland. 3000 Staatsbedienstete sollten Deutschland im Ernstfall von hier aus regieren. Nun wird der Bunker zugeschüttet. Ein Teilnehmer erinnert sich an geheime Übungseinsätze.

Von Horst Meixner

Ende der siebziger Jahre wurde ich zum ersten Mal gefragt, ob ich bereit sei, an einer Übung in der sogenannten Dienststelle Marienthal teilzunehmen. Zusammen mit anderen, beim Bundestag angestellten und auf ihre Sicherheit hin überprüften Beamten sollte ich im Verteidigungsfall für das Notparlament arbeiten. Seine 48 Mitglieder, Abgeordnete des Bundestages und Mitglieder des Bundesrates, hat man gesamt dort aber nie gesehen.

Unseren Angehörigen durften wir nichts erzählen. Erst recht keinem dritten. Trotzdem war es immer ein offenes Geheimnis. Sobald sich die Frauen der abwesenden Beamten trafen, hiess es: »Na, ist Dein Mann auch im Ahrtal?« Meine grösste Sorge war es damals, bei späteren Fahrten nach Westberlin Probleme mit der Einreise zu bekommen. Natürlich gingen wir davon aus, dass man in der DDR wusste, wer an den Übungen teilnahm: Mit einer guten Kamera konnte jeder die Eintreffenden am Bunker fotografieren.
In die Eifel fuhren wir mit Bussen nach einem Alarmkalender, der jede Massnahme inhaltlich und zeitlich festlegte. Den Sinn solcher Planungen erkannte man spätestens vor dem Bunker: Was wäre gewesen, wenn rund 2000 Personen mit Gepäck gleichzeitig am einzigen Einlasstor eingetroffen wären? Ein Radio mitzunehmen, war verboten: Es gab keine Tageszeitung und kein Telefonat nach draussen. Man war praktisch völlig von der Aussenwelt abgeschnitten. Wir kamen an der Schleuse an, nahmen Platz auf einem Elektrokarren und wurden dann zu vorbestimmten Abschnitten im Bunker gefahren. Erster Eindruck bei der Fahrt durch die Betonröhre: Die permanente Luftzirkulation stört. Wie sehr, dass habe ich bereits in der ersten, schlaflosen Nacht gemerkt.

Mein zweiter Eindruck: Die Schlafkammer ist spartanisch und kärger eingerichtet als eine Gefängniszelle. Tisch, Stühle, Feldbetten und das Notwendigste an Wäsche. Im Regelfall waren es Vierbettzimmer, ein Problem bei Kollegen im Schichtdienst. Ab dem zweiten oder dritten Tag ging das Zeitgefühl verloren, weil man sich ständig im künstlichen Licht aufhielt. Erstaunlich, wie schnell der Körper darauf reagiert.
Manche Kollegen mussten schon nach wenigen Tagen wegen Schlaf- und Konzentrationsstörungen, gestiegenem Blutdruck oder Aggressionen vorübergehend oder endgültig den Bunker verlassen. »Bunkerkoller« nannte man das. Eine halbe Stunde zwangsweiser Aufenthalt an der frische Luft brachte aber mehr Probleme, als er behob, denn anschliessend musste man sich wieder eingewöhnen. Schwer vorzustellen, wie man in einer echten Stresssituation reagiert. Da war es gut zu wissen, dass man als Zivilist nur wenige Tage Übungsteilnehmer ist, während die Militärs bis zu zwei Wochen blieben.
Die Unterbringung erfolgte getrennt nach Zivilisten und Militärs, Männern und Frauen. Es herrschte Alkoholverbot. Damit war es aber spätestens am dritten Tag vorbei. Irgendwer hatte Rotwein von der Ahr organisiert. Fragte jemand nach dem woher, wurde er auf die »Rohrleitung« aus dem nahe gelegenen Weinberg verwiesen. Dass zunächst verdeckt und später offen gefeiert wurde, merkte man auch am Umgang der Kollegen miteinander - am vertraulichen »du« von Leuten, die wenige Tage vorher im Büro noch auf Distanz waren.

Weil das Notparlament aus politischen Gründen im Bunker nicht tagen sollte und allenfalls nur einzelne Mitglieder gelegentlich auftauchten, gab es für uns wenig Arbeit und viel, manchmal zu viel Zeit zum Diskutieren und Grübeln. Zum Beispiel über die Frage: Was wäre, wenn wir jetzt den Ernstfall hätten, und man könnte mit der Familie nicht einmal telefonieren?`
Schnell den Gedanken verdrängen, glücklicherweise wird nur geübt. Nach meiner Erinnerung waren viele von uns damals schon der Meinung, dass die gesamtpolitische Konstellation einen ernsthaften Ost-West-Konflikt grösseren Ausmasses gar nicht mehr zulassen würde.
 
 
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