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  Bonner Generalanzeiger, Saarbrücker Zeitung
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März 2001


Bunker-Wunderland
Andreas Magdanz: »Dienststelle Marienthal« / Alte Rotation Bonn
Ein grandioses Fotoprojekt: Der 3 Milliarden Mark teure Regierungsbunker im Ahrtal soll für 60 Millionen Mark abgebaut werden

Von Roland Gross

"Dienststelle Marienthal« : Das klingt nach seriengefertigter Idyllik fürs Vorabendprogramm, vielleicht angereichert mit ein paar komischen Beamten, damit der Comedy-Aspekt nicht zu kurz kommt. Alles falsch - oder doch nicht ganz ? Mittlerweile wäre es wohl eher der Stoff für eine abgründige Satire, wenn es denn nicht so wahr, hochpolitisch und für die Nachkriegsgeschichte dieser Republik so bedeutend wäre.
Dies dachte auch der 1963 in Mönchengladbach geborene Fotograf Andreas Magdanz, der bei Wilhelm Schürmann in Aachen studierte und sicherlich auch die ein oder andere Affinität zur konzeptorientierten Dokumentarfotografie der Düsseldorfer Akademieklasse von Bernd und Hilla Becher aufweist. Unter dem Stichwort »Dokumentarfotografie« und »Visuelle Kommunkation« ist das wohl weltweit einmalige Phänomen »Dienststelle Marienthal«, ein zutiefst deutscher Ort, nur recht un-vollkommen in den Griff zu bekommen. Handelt es sich hierbei doch um die weltgrösste Atom-bunkeranlage, angelegt für eine Regierungsadministration von 3000 Menschen: Angesiedelt in der Ahrtal - Region, 20 Kilometer von Bonn entfernt und 110 Meter tief in jenes Erdreich eingegraben, das in Deutschland dem nördlichsten trinkbaren Rotwein als Nahrungsgrundlage dient.

Ein Röhrensystem von insgesamt 19 Kilometer Länge, das Vorhandensein etwa von 25 000 Türen, 897 Büros, 936 Schlafzimmern, einigen Operationssälen und Zahnarztpraxen, all dies hinter tonnenschweren MAN-Toren, denen bald darauf die ABC-Entgiftungsanlage folgt, all dies ist auch nicht annähernd zwischen Amerika und China zu finden. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges wurde 1958 mit dem Bau, bzw. Ausbau begonnen, der kurioserweise unter dem NS-Regime als V2-Raketen-Depot diente und noch weit davor, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, als Nachschub-Einsenbahntrasse gegen den »Erbfeind«, seine architektonische Geburt erlebt hatte. Im Jahre 1972 war die heutige Form der mit über 3 Milliarden Mark vermutlich kostspieligsten Wehrarchitektur Westdeutschlands vollendet und ernstfallbezugsfertig, betreut von 180 strengst verschwiegenen Staatsdienern.

Die Feindbilder sind inzwischen ausgegangen, die deutsche Zentrale hat sich in Richtung Osten, nach Berlin, verschoben. So beschloss die Bundesregierung 1997, den Bunker aufzugeben. Nachdem die Bundesvermögensverwaltung keine ernst zu nehmenden Kaufofferten gefunden hatte - von skurriler Erlebniswelt ("Bunker-Wunderland"), über Münzdepot, bis Champignonzucht, wobei die Techno-Kids vermutlich vor Begeisterung niederknien würden - soll jetzt all dies mit nicht minder deutscher Akribie und umweltfreundlicher Detailfreudigkeit wieder auseinander genommen, entsorgt und versiegelt werden - Gesamtkosten für das »Nullum": 60 Millionen Mark . Wie sich die Berliner Republik erneut einbunkert - was sie laut Nato-Statuten tun muss - scheint noch unklar. Stabile Möglichkeiten aus deutscher Vergangenheit, gibt es an der Spree genügend.

Andreas Magdanz konnte 1998 in einem selbstfinanzierten Projekt diese perfekt bis ins kleinste Detail eingefrorene Staatsgeheimnis-Welt fotografisch dokumentieren. Es entstand ein wuchtiger Foto-Foliant im Eigenverlag, giftig orange eingebunden und mit jenem schwarzen B 52-Bomber-Logo versehen, das auf den Karten der Bunkeranlage (Aufdruck »Sowjetische Besatzungszone« / »Unter fremder Verwaltung") bei den alle zwei Jahre stattgefundenen Nato-Übungen für die Strategie-Spiele der Ernstfall-Experten verwandt wurde. Dieses Buch und die Idee einer kultur- und ideologiegeschichtlichen Konservierung einer , auch designerisch, hermetisch versiegelten Welt der sechziger und siebziger Jahre via Fotografie, dies sind die eigentlichen Stars einer Ausstellung in der Alten Rotation des General-Anzeigers in Bonn. Nur acht monströs sachliche, distanzierte Grossfotos hängen an den weiss gekälkten Ausstellungswänden des sich so harmonisch einfügenden Industriebaus. Dazu präsentiert man etwa ein paar graue Tische mit grauen Stühlen für graue Menschen, vor allem aber die schrill-rote »Präsidial-Couch«, nebst ebenso verhalten popartig-modernen Sesseln. Sich hier Heinrich Lübke oder Gustav Heinemann vorzustellen, ist schon von bizarrem Reiz. Denn nie hat ein Kanzler, Präsident oder gar Abgeordneter diesen »Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes« betreten. »Zu gross war wohl selbst den Machthabern das Tabu des Ernstfalls, zu gross war die Angst vor dem Ort, vor dessen Inbetriebnahme jede Vorstellung versagt«, schreibt Kurator Christoph Schaden in seinem Ausstellungsbeitrag.

Das Lebensrettende und das Leben Ignorierende kommen in den Bildern von Andreas Magdanz zusammen, nicht minder Geheimhaltungspolitik und ebenso ein kafkaesker Mythos aus Unsichtbarkeit, Bedrohung und deutscher Perfektion, angesichts eines absolut autonomen Lebens für 30 Tage - von Luft, Strom, Wasser und Nahrung bis zum Frisiersalon und 2 Fahrradabstellhallen. Erstmals also sehen wir all dies allein durch die Fotografie, die wieder einmal die ungeheure fotoästhetische Dimension des »Zeigen,-was-ist« offenbart. Hinzu kommt, dass jedes Detail dieses 3 Milliarden-Mark-Dings nie benutzt wurde: die Verdinglichen des Wartezustands auf die Apokalypse ist in jedem der überwiegend blass-grauen Schwarzweiss-Fotos spürbar, in jedem Stahlrohrstuhl, stehen gebliebenen Besen, Wandtelefon oder auch in jener Konservendose mit dem Aufdruck »Deutsche Bockwürstchen«. »Deutschländer« gab es damals noch nicht und die Angst vor BSE auch nicht.

Bis zum 22.April - Alte Rotation des General-Anzeigers, 53121 Bonn, Justus von Liebigstr.12; Die-So 11-17 Uhr, Mi -20 Uhr, ein Katalog-Faltplan zur »Dienststelle Marienthal« ist in der Reihe »Szene Rheinland« erschienen (29,80 DM). Das Buch von Andreas Magdanz »Dienststelle Marienthal« ist zum Preis von 198 DM im Buchhandel erhältlich oder direkt beim Fotografen (Eigenverlag) : Tel. 0241 39989. Sehr empfehlenswert auch die Internet-Adresse: www.dienststellemarienthal.de (hier auch Bildmaterial zum Downloaden) weiteres Bildmaterial/Prints über Rheinisches Landesmuseum, Tel.: 0228 6688 242
 
 
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