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  AACHENER NACHRICHTEN
Magazin Nr. 23 - Samstag, 27. Januar 2001


Der heimliche Abbau des ehemaligen Regierungsbunkers Marienthal - Hohe Kosten, höherer Preis
Auf die Müllhalde der Geschichte

Von Nachrichten Redakteur Wilfried Lindner

Es ist Alarm zu schlagen. Denn wieder einmal demontiert die Republik ein Stück ihrer Geschichte. Und das im Wortsinne: In diesen Tagen wird irgendwo 60 Meter unter den Bergen der Ahr der Kalte Krieg beseitigt, werden seine Hinterlassenschaften klammheimlich beiseite geschafft - entsorgt auf der Müllhalde der Geschichte. Die Rede ist von einem beispiellosen Vorgang der Quellenvernichtung zur jüngeren Vergangenheit, die im Dezember 1997 mit einem Beschluss des damaligen Bundeskabinetts eingeleitet und bezeichnenderweise mit Geheim-Stempel versehen worden ist: der heimliche Abriss des ehemaligen Regierungsbunkers Marienthal.

Für den Ernstfall

Der Bunker unter den Weinbergen der Ahr birgt in fünf riesigen Komplexen die Hülle für die Apokalypse der 70er und 80er Jahre, und mehr noch. Er belegt, wie abenteuerlich die vorsorgend-fürsorgliche Mentalität des Atomzeitalters gewesen ist. Von hier aus sollten im Ernstfall auf 83 000 Quadratmetern unterirdischer Regierungsstadt die Reste der Republik im Kriegsfall regiert werden. Die Bilder dieser unwirklichen Welt unter der Erde hat der in Aachen lebende Mönchengladbacher Fotokünstler Andreas Magdanz in einem eindringlichen Dokumentationsband kühl festgehalten. Die Fotos wirken beklemmend wie kaum ein Zeitdokument: Sie schreien danach, den Bunker wenigstens teilweise zu retten und der Nachwelt zu öffnen, zum Beweis dafür, welcher Wahnsinn hätte Wirklichkeit werden können.
Die Fakten: 83 000 Quadratmeter gross ist der Komplex; das ist die Grundfläche von gut 40 000 Einfamilienhaus-Grundstücken. 3000 Menschen hätten in der hermetisch von der Ober- und Aussenwelt abgeschlossenen Anlage wochenlang überleben können: die Verfassungsorgane, vom Bundeskanzler über Minister bis zum Notparlament oder zu Vertretern wichtiger Bundeseinrichtungen, wie etwa der Bundesbank. »Gelebt« hätten sie in 897 Büro- und Konferenzräumen samt 936 Schlafkammern, zu erreichen über 19 000 Meter Gangsysteme, deren schiere Endlosigkeit die Wahrnehmungskraft des Auges überfordert.

Rest-Legitimität

Der Bundespräsident beispielsweise hätte in rötlichen 70er-Jahre-Design-Sesseln Notstandsgesetze unterschrieben, das Notparlament auf grauen Kargstühlen hockend der zerstörten Wirklichkeit oben demokratische Restlegitimität gegeben. Und draussen wäre derweil die Atomkriegs-Welt dem Untergang geweiht gewesen. Manche Menschen, wenn auch nicht viele, kennen Marienthal: Gut 600 Frauen und Männer, die früher die gigantische, kalte Stadt unter der Erde funktionsfähig hielten, die die alte Technik stolz noch Mitte der 90er Jahre pflegten, die Kliniken steril und die Zinkbadewannen sauber hielten, mit den grün-grauen Drehscheiben-Telefonen unwirkliche Kommunikation hinter atombombensicheren Stahlwänden organisieren halfen. Alle waren zu strengster Geheimhaltung verpflichtet, selbst den Ehefrauen gegenüber schweigend, einige bis in den Tod.
Militärs übten dort unten, was passiert, wenn die Welt oben untergeht, schoben Erstschlagsfolgen und Gegenschlagsszenarien trainingshalber auf riesigen Wänden an Erdkarten hin und her. Eine Welt des »wenn« -"dann«, des »hätte« und »wäre«.

Bedrohungsszenarien

Das den Menschen der Kalte-Kriegs-Ära in der Theorie Angst machende Bedrohungs-Szenario war unter den Ahr-Bergen Realität, soweit Unwirkliches der Wirklichkeit überhaupt nahe kommen kann. Die Soldaten, die zwei oder drei Wochen in Marienthal unter Geheimhaltungseid bei Übungen verbracht haben uns stets nur kleine Anteile der Anlage sahen, tragen es dem Vernehmen nach noch heute in sich.
Dabei überdeckte das Staunen über absolute Perfektion von Bau und Technik manchmal das Grauen. Doch das technische Wunderwerk hat auch Wunden in Seelen geschlagen, vor allem bei denen, die die jeweils fälligen drei Tage absoluter Abschottung unter Ernstfallbedingungen bewusst erlebt haben: Alles war dicht, keine der 38 Verbindungen zur Aussenwelt offen, Luft und Wasser waren selbst erzeugt, das tägliche Brot für 3000 Menschen aus fünf Kantinen auf die Tische gebracht. In U-Booten hört man da wenigstens noch Wasser gluckern; Marienthal atmete aus sich selbst.

Sang- und klanglos

Der Atomschlag hat nicht stattgefunden. Marienthal blieb unbewohnt. Die Republik, Europa und die Welt haben diese prekäre Zwischenphase der jüngeren Geschichte überlebt.
Das vereinte Deutschland will nun diesen Teil seiner Vergangenheit sang- und klanglos beseitigen, hat damit bereits begonnen. Ein einzigartiges Bauwerk, in dem 30 Jahre deutscher und europäischer Schreckensgeschichte in kristalliner Klarheit bis zur Stunde konserviert, schier eingefroren ist, soll auf Kabinettsbeschluss hin Stück für Stück abgebaut und vergessen gemacht werden.
Wann immer kommende Generationen nachfolgenden davon berichten wollen, wie aberwitzig Kalter Krieg gewesen ist und hätte werden können, wenn er denn zum heissen mutiert wäre: Sie bräuchten nur Marienthal vorzuführen. Es gibt kein besseres und ebenso eindrucksvolles wie nachhaltiges Bauwerk als dieses. Doch Deutschland, und zwar ausgerechnet das vereinte, hat beschlossen, seine jüngere Geschichte zu entsorgen - im Ahrtal geschieht ein Frevel. Dort wird eine historische Quelle vernichtet und zum Steinbruch gemacht. Die Kosten dafür betragen 60 Millionen Mark. Der Preis ist ungleich höher.
 
 
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