Hambacher Forst,
eine forensische Bestandsaufnahme
100 Studenten, zwei Universitäten,
10.000 Bilder

Nordrhein-Westfalen, Hambacher Forst, Fr., 19. Juli 2015, 14.00 Uhr.
100 Studenten der HAWK, der Hochschule für angewandte Kunst und Wissenschaft, Hildesheim, Holzminden, Göttingen und der RWTH, der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule, Aachen.
In einem Abstand von 150 m zum Wald, bilden sie eine Menschenkette von nahezu 1 km, ein beeindruckendes Bild, ein spürbares Potential kreativer, positiver Energie.

Die Idee:
Eine sowohl sachliche als auch emotionale, eine sowohl dokumentarische als auch künstlerische Bestandsaufnahme des durch den Tagebau bedrohten Hambacher Forstes.
Ein 700 Jahre alter Primärwald – durch seine urtümliche Schönheit und Artenvielfalt besonders schützenswert – ist in der Folge des größten Tagebaus Europas jedoch bereits in weiten Teilen zerstört.

Die Aufgabe:
Konzeptionelle, klare Vorgehensweise.
Kamera, Stativ auf 1.50 m Höhe, 8-10 m Abstand zueinander und alle 20 m eine Aufnahme.
Geschätzte 4-5 Stunden Konzentration.
Neben der statischen Vorgehensweise gilt es aber auch den Zauber dieses ehemals als Sehnsuchtsort der Deutschen beschriebenen Ortes, in Bildern kontemplativer Schönheit zu erzählen.
Vom Feldsaum bis zur stillgelegten A4, eine der meistbefahrenen Autobahnen, die heute in Endzeitstimmung den schleichenden Untergang ahnen läßt.
Für 600 Mil. Euro wurde diese Autobahn um 1,5 km versetzt und markiert mit einer Allee der Bäume des Jahres – in puncto Zynismus – einen Höhepunkt.

Das Ziel:
10.000 Bilder, die auf diesen Wald aufmerksam machen und seine Geschichte weitererzählen – in Ausstellungen, Publikationen, Diskussionen und Rezensionen – in den Leitmedien und in der Politik.
10.000 Bilder, die auch die im Hambacher Forst lebenden Baumbesetzer unterstützen. Eine Gemeinschaft, die diesen Namen verdient und seit zwei Jahren in Form von Baumbesetzungen, teilweise in Baumhäusern in bis zu 20m Höhe, sommers wie winters dort lebt und friedlichen Widerstand leistet.
Regelmäßige Räumungen durch Hundertschaften der Polizei (Ende 2014 kamen zusätzlich zwei! Räumpanzer zum Einsatz), Verleumdungen in Teilen der Boulevard-Presse bis hin zur Unterstellung von Kriegswaffenbesitz und dem Terrorrismusvergleich, haben diesen Widerstand bisher weder gebrochen noch in Gewalt umschlagen lassen.

Es ist nicht die Adoleszenz der Jugend, die die Besetzer in den Wald treibt. Es sind wohl überlegte Strategien und Lebensentwürfe. Auch wenn Deutschland nicht mehr das Land der Dichter und Denker ist, wirkt der Sehnsuchtsort Wald, der in keiner anderen Sprache so gefeiert wird, den Hölderlin, Schlegel, von Eichendorff, Hesse und Canetti und vielen anderen mehr, von der Romantik bis in die Gegenwart beschrieben haben – bei den jungen Besetzern und erfreulicherweise einem großen Teil der Studentenschaft stärker als in den Führungsetagen börsennotierte Energieunternehmen.

Sofern, wie zu vermuten ist, der unzivilisierte Kapitalismus, hier in Form des Energieriesen RWE und seines seit Jahrzehnten perfektionierten Belohnungssystems - fest verankert in behördlichen Strukturen der angrenzenden Gemeinden – sein Werk vollendet hat, wird unser Projekt seinen Teil dazu beigetragen haben, von den Verfehlungen zu berichten, Diskussionen anzuregen, Meinungen zu bilden.

Und hier, um an die Lehre anzuknüpfen, liegt einer der wesentlichen Schlüssel in der Ausbildung. Es ist zunächst der Formalismus; Perspektiven, Flächen, Formen und Licht, vielfältige Bildsprachen in Anlehnung an Beispielen herausragender Künstler, dann die Umsetzung entsprechend der Zielsetzung und Publikationsform in konzeptioneller Klarheit und gleichzeitig zu diesen Prozessen eine Auseinandersetzung mit Inhalten, die für die Studierenden von Bedeutung sind, die der Persönlichkeitsbildung dienen und gegebenenfalls Relevanz für Dritte haben.

Hier liegt in dem laufenden Projekt ein großer Erfolg; in der Auseinandersetzung mit dem Thema sind alle Beteiligten mit neuen Erkenntnissen aus den bisherigen Arbeitsprozessen herausgegangen. Gleichzeitig wurde genau dieser Inhalt bzw. das Ergebnis bereits in der Phase der Arbeit vor Ort, von den Fernsehsendern 3Sat für Kulturzeit und WDR für WestArt begleitet. (siehe »Presse« )
3Sat sendete in Deutschland, Österreich und der Schweiz, WestArt anlässlich der ersten Ausstellungseröffnung in der Nadelfabrik, Aachen im April 2016.

Mehrfache Einladungen in den nordrhein-westfälischen Landtag folgten, um in einem kleinen Kreis mit Vertretern aus Innenministerium, RWE und der Polizei, über die Situation vor Ort zu diskutieren – relevanter kann das Ergebnis bildnerischer Arbeit an dieser Stelle kaum sein.

Und dennoch; ungeachtet der positiven, medialen Aufmerksamkeit, der zahlreichen Proteste auch außerhalb der Aktivisten- oder Baumbesetzerszene, entwickelt sich die Auseinandersetzung um den verbliebenen Rest des Hambacher Forstes in den bekannten Stereotypen: auf der Seite des Widerstands, wenige, einzelne gewaltbereite Demonstranten – auf der politischen Seite, ungebrochener Lobbyismus, der in gnadenloser Rhetorik im Landtag weiterhin die Richtung vorgibt.

Das eine Ziel, die Stigmatisierung einer ganzen Gruppe, die über Jahre kreativ und friedlich Widerstand leistet, scheint nahezu erreicht – das Hauptziel, die Fortführung des Tagebaus, die fortgeführte Landschaft- und Kulturvernichtung, wird mit Beginn der Rodungssaison im Herbst 2016 einem der größten Umweltverbrechen einen weiteren, dramatischen, finalen Höhepunkt bescheren – der Hambacher Forst wird am Ende Geschichte sein.


Prof. Andreas Magdanz






 
3sat Kulturzeit





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  Kunststiftung NRW
fördert das Projekt »Das Spanische Dorf«
(Forensische Abteilung I der Rheinischen Kliniken Düren)

12. März 2017
Kunstauktion
im Stadttheater Aachen

Video:
https://youtu.be/DMaef5xu4dQ
Hambacher Forst Volkstrauertag

 
     
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  Hambacher Forst - SS2015  
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